Kardinal Schönborn: “Wir sind eine Gesellschaft der Steinewerfer”

Vorarlberg / 03.05.2022 • 05:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">VN/Rauch</span>
VN/Rauch

Statt politisches Hickhack wünscht sich Kardinal Schönborn einen Pakt gegen Armut.

Von Marlies Mohr und Matthias Rauch

Bregenz Kardinal Schönborn weilte am Montag in Vorarlberg. Anlass war eine Auszeichnung, das Land verlieh dem langgedienten Priester das Goldene Ehrenzeichen. Im Gespräch mit den VN betont er seine Dankbarkeit, spricht über die Spiritualität unserer Gesellschaft und politische Steinewerfer.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.

Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung des Landes?

Schönborn Ich musste an das Büble denken, das da mit sechs Jahren mit einer Flüchtlingsfamilie nach Schruns kam und nun diese Auszeichnung bekommt, das berührt einen. Vor allem empfinde ich eine große Dankbarkeit Vorarlberg gegenüber. Es ist uns wirklich eine Heimat geworden.

Wie muss sich die Kirche ändern, dass die Menschen wieder zu ihr finden?

Schönborn Dies ist eine gesamteuropäische Entwicklung, die selbst Polen und die Slowakei erreicht. Ich glaube nicht, dass die Menschen grundlegend weniger religiös sind. Die Suche nach dem Sinn im Leben folgt aber nicht mehr den traditionellen Formen – wie auch unsere Lebensform nicht mehr die traditionelle ist. Ich sehe das gar nicht so dramatisch. Wenn ich jetzt in Schruns die Messe feiere, dann weiß ich: Die, die jetzt da sind, die sind aus Überzeugung da. Nicht, weil man muss.

Ändern da Krisen von Corona bis zum Krieg etwas?

Schönborn Die Suche nach Sinn und Halt ist stark spürbar, auch bei jungen Menschen. Die Formen, in denen sich das ausdrückt, wird nicht für alle in den klassischen Kirchen sein. Sie findet aber auch Ausdruck in Ritualen der Kirche.

Von einer gespaltenen Gesellschaft spricht man nur bei Corona, nicht bei anderen Krisen. Wundert sie das?

Schönborn Ich erlebe diese Spaltung in der näheren Verwandtschaft. Das hat große Spannungen in der Familie gegeben. Was ich mich selbst frage, ist, habe ich die Ängste ernst genug genommen? Ich habe großes Vertrauen in die Wissenschaft. Ich weiß, wie seriös diese Menschen arbeiten, aber dass Menschen Ängste haben, habe ich vielleicht zu wenig ernst genommen.

Wie sehen Sie das aktuelle Sittenbild der Politik?

Schönborn Jesus hat in einem dramatischen Zusammenhang gesagt, wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Wir sind eine Gesellschaft von Steinewerfern. Wir gehen in eine ganz schwere Zeit. Die 75 Jahre des kontinuierlichen Aufschwungs sind in jeder Hinsicht vorbei. Was braucht es, wenn es enger wird und Armut eine dramatische Frage wird? Zusammenhalt. Ich kann nur sagen, bitte schaut auf das Österreich der Nachkriegszeit. Auch da ist politisch gekämpft worden. Aber die Verantwortlichen haben gewusst, es geht nur gemeinsam. Die Kontroversen soll die Justiz klären, und nicht zuerst die Medien. Wenn Fehlverhalten vorhanden ist, muss es geklärt werden. Wenn wir aus dieser schwierigen wirtschaftlichen Krise, die noch viel schwieriger wird, herauskommen wollen, müssen wir es gemeinsam machen.

Ich frage mich manchmal, wenn das politische Hickhack einen Höhepunkt erreicht: Haben alle vor der eigenen Tür gekehrt?

Kardinal Christoph Schönborn

Wie lange werden sie noch im Amt sein? Sie warten immer noch auf die Entscheidung des Papstes.

Schönborn Wie lange ich noch im Amt sein werde, weiß allein der Papst, und ob der es weiß, weiß ich auch nicht. Aber ich bleibe sicher im Dienst und auch Seelsorger. Ich werde mich nicht auf die Kanarischen Inseln zurückziehen und Pensionist sein. Ich will unter den Leuten bleiben, so wie es auch Kardinal König tat. Also, wir werden sehen.

Wie sehen Sie die Rolle der Frau in der Kirche?

Schönborn Die Frage des Amtes in der Kirche ist für mich nicht die primäre Frage, sondern jene der Verantwortung. Da hat der Papst einen ganz großen Schritt gemacht: Er hat in der neuen Verfassung für die Ämter des Vatikans hineingeschrieben: Alle Ämter können grundsätzlich von Getauften geleitet werden. Männer und Frauen.

Kardinal Schönborn
Kardinal Schönborn