Keime auf jedem dritten Fleisch

Vorarlberg / 05.05.2022 • 22:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gesetz und Praxis klaffen bei Tiertransporten auf Europas Straßen oft auseinander. dpa/lno
Gesetz und Praxis klaffen bei Tiertransporten auf Europas Straßen oft auseinander. dpa/lno

Tiere werden tagelang durch Europa transportiert, auch mit Folgen für die Menschen.

Wien, Brüssel Für das neue Tierschutzpaket hagelt es Kritik. Neben Vollspaltböden bei Schweinen sind es vor allem Transporte von noch nicht entwöhnten Kälbern, die polarisieren. Die Tiere leiden während der Fahrt Hunger, da sie noch nicht eigenständig essen können. Österreich habe mit dem neuen Tierschutzpaket, durch das Kälber weiterhin ab der dritten Woche transportiert werden dürfen, die Chance vertan, dieses Leid zu beenden und schwächt zudem weiter regionale Fleischproduktion mit hoher Qualität, so Kritiker.

Keine Verbesserungen

Dass Verbesserungen auf EU-Ebene abgeschmettert wurden, war auch für EU-Abgeordneten Thomas Waitz (Grüne) eine herbe Enttäuschung. Er war Mitglied des Tiertransporte-U-Ausschusses im EU-Parlament und erstellte mit Politikern aus mehreren Parteien 18 Monate lang einen Aktionsplan. Bei der Plenarsitzung wurden in diesem Jahr jedoch die Regelungen für nicht entwöhnte Kälber und trächtige Tiere sogar noch weiter geschwächt.

„Kälber sind bis zur fünften Woche einfach noch nicht transportfähig“, verweist Waitz auf Ergebnisse der Wissenschaft. Wenn Kälber transportiert werden, müssten sie nach spätestens acht Stunden gefüttert werden. Gesetz und Praxis klaffen hier auseinander. „Wie soll man auf einem Autobahnparkplatz 160 bis 200 Kälber, die dreistöckig in einem Lkw zusammengepfercht sind, füttern? Das geht sich weder technisch noch zeitlich aus“, so Waitz. Zudem haben die Tiere noch eine immunologische Lücke, sie sind für Krankheiten besonders anfällig. In der Mast kommt es dann über Wochen zu massivem Antibiotikaeinsatz.

Multiresistente Keime im Fleisch

Das hat Folgen für die menschliche Gesundheit. Keime werden quer durch Europa transportiert und verbreitet. Bei Tieren dürfen Antibiotika zwar nur noch bei Krankheitsfällen flächendeckend eingesetzt werden. Waitz meint dazu: „Wenn 40.000 Schweine in einem Stall stehen, treten schnell Krankheitsfälle auf.“ Alle Antibiotika, die auf dem EU-Markt zugelassen wurden, sind auch für die Tiermast zugelassen. Durch den massiven Einsatz der Antibiotika entstehen multiresistente Keime. Laut Schätzungen gibt es dadurch bereits 30.000 bis 35.000 Tote pro Jahr in Europa.

Wie eine neue Studie von Greenpeace bestätigt, ist das Problem auch in Österreich präsent. Die Umweltschutzorganisation ließ 24 abgepackte Fleischwaren von unterschiedlichen Tieren in österreichischen Supermärkten testen. Die durchführende Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) fand in neun davon antibiotikaresistente Erreger. Besonders brisant: Von 16 Produkten mit dem AMA-Gütesiegel waren sechs belastet. Biobetriebe benötigen so gut wie gar keine Antibiotika, so Sebastian Theissing-Matei von Greenpeace; er forderte eine Haltungskennzeichnung am Produkt.

Kontamination durch Import

Die österreichische Produktion sei im Vergleich zu internationalen Maßstäben noch „relativ klein“ und daher auch der Antibiotikaeinsatz niedriger, sagt Waitz, aber: „Dennoch kommt es immer wieder zu kontaminiertem Fleisch aus Österreich. Wir vermuten, dass es durch importierte Tiere zu Kreuzkontaminationen kommt.“

Lösungen wären ein Ende von Lebendtransporten, eine regionale Struktur von Schlachthöfen und die Ab-Hof-Schlachtung. „Das große Agrarsystem, in dem gewirtschaftet wird, zerstört die lokale Produktion. Sie versorgt uns mit angeblich billigen Lebensmitteln. Aber Umwelt-, Gesundheitsschaden und Tierleid werden dadurch nicht bemessen. Die Rechnung geht nicht auf“, so Waitz. VN-JUS

„Kälber sind bis zur fünften Lebenswoche einfach noch nicht transportfähig.“

Keime auf jedem dritten Fleisch