Neue Rhetorik, mehr Sozialhilfe

Vorarlberg / 05.05.2022 • 22:33 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Michael Rauch wird künftig in der Sozialabteilung des Amtes der Vorarlberger Landesregierung arbeiten. Kinder, Jugendliche und Familien bleiben sein Thema.VN
Michael Rauch wird künftig in der Sozialabteilung des Amtes der Vorarlberger Landesregierung arbeiten. Kinder, Jugendliche und Familien bleiben sein Thema.VN

Jugendanwalt Rauch hinterlässt seinem Bruder, Sozialminister Rauch, ein Forderungspaket.

Feldkirch Kinder-und Jugendanwalt Michael Rauch legt am 15. Mai sein Amt nach 20 Jahren nieder. Im VN-Abschiedsinterview berichtet er nicht nur von den Herausforderungen durch die Digitalisierung und die Pandemie. Im Bereich der kinder- und jugendpsychiatrischen Angebote müsse ebenso dringend gehandelt werden. An seinen Bruder, Sozialminister Johannes Rauch, richtet er den Appell, eine Kindergrundsicherung einzuführen und mit einer weiteren Reform der Mindestsicherung Kinderarmut zu minimieren.

 

Vor 20 Jahren sagten Sie über Ihren früheren Job im Ambulanten Familiendienst, man solle gehen, wenn noch Wehmut da ist. Wie viel Wehmut ist jetzt da?

Rauch Es ist Wehmut da. Ich habe mich aber entschieden, dieses Amt nicht in Richtung Pension weiterzuführen, sondern dann zu gehen, wenn die Energie noch voll da ist.

 

Zum Teil leben wir heute in einer anderen Welt, als sie es vor 20 Jahren war. Was hat sich für die Kinder und Jugendlichen geändert?

Rauch Kinder brauchen ähnliche Dinge, dass sie gut aufwachsen können, wie vor 20 Jahren: die Beziehungen zu den Eltern, zu Freunden, die Integration in Vereinen. Die Medialisierung und Digitalisierung haben aber den Bezug zu manchen Dingen extrem verändert. Wir haben die Situation, dass Kinder im Volksschulalter fast zu 100 Prozent ein Smartphone mit Internetzugang haben und beinahe eine unbeschränkte Möglichkeit auf pornografische, rassistische, gewaltverherrlichende Inhalte besteht.

 

Gibt es beim Kinder- und Jugendschutz hier noch Nachholbedarf?

Rauch Ich glaube schon, dass es eine zusätzliche Bewusstseinsbildung bei den Eltern braucht. Manchen Eltern ist zu wenig bewusst, wie niedrig die Hürden sind, Zugriff zu gewissen Inhalten zu erhalten. Und natürlich hat die Pandemie in den letzten Jahren manche Fortschritte geschmälert. Mit der Belastung ist die häusliche Gewalt stark angestiegen. Und das Thema der Kinderpornografie ist in den vergangen zwei Jahren explodiert.

 

Mit der Pandemie haben wir auch gesehen, dass die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen nicht immer ernst genommen wurden. 

Rauch In der Pandemie waren Beteiligungsmöglichkeiten kaum vorhanden, auch nicht für Erwachsene. Kinder und Jugendliche waren auch nicht richtig adressiert. Man hat mit ihnen nicht altersentsprechend kommuniziert, sei es beim Impfen, sei es bei der Maßnahmenerklärung. Ganz schlecht waren auch die Sanktionsformen, die vollkommen überschießend waren.

 

Sind Kinder und Jugendliche ausreichend auf den Herbst vorbereitet?

Rauch Wir hatten als Kinder- und Jugendanwaltschaft einen Termin bei Bundesminister Johannes Rauch. Ich habe dort ganz klar deponiert, dass Kinder und Jugendliche besser und direkter adressiert werden müssen – ohne die Verbotsrhetorik, wie sie zu Beginn der Pandemie üblich war, auch mit dem Satz „jeder wird jemanden kennen, der verstorben ist“. Was der ehemalige Kanzler da gemacht hat, ist eine No-Go-Kommunikation für Kinder und Jugendliche. Ich habe die Zusage vom Gesundheitsminister, dass das zusätzlich beachtet wird.

 

Wo sehen Sie noch Baustellen für den Minister?

Rauch Die größte Herausforderung liegt für ihn im Bereich Soziales, vor allem im Bereich der Kinderarmut. Wir haben zum Beispiel noch einmal deponiert, dass es eine Kindergrundsicherung braucht. 

 

Braucht es für die Kinder eine weitere Reform der Mindestsicherung?

Rauch Es sind nun einige Giftzähne gezogen worden, das betrifft aber mehr Erwachsene oder Menschen, die nach der Flucht zu uns gekommen sind. Das Thema Kinder und Jugendliche ist nicht enthalten. Die negativen Auswirkungen der schwarz-blauen Reform sind nach wie vor sichtbar und müssen korrigiert werden. Ich weiß, es ist alles nicht im Regierungsprogramm, auch nicht die Kindergrundsicherung. Aber als das Regierungsprogramm gemacht wurde, gab es nicht die Herausforderungen, die wir heute haben, mit der steigenden Inflation und der drohenden Wirtschaftskrise.

 

Der Neubau der Kinder- und Jugendpsychiatrie wird nicht vorgezogen, da dies zusätzlich zwölf Millionen Euro kosten würde. Wie sehr ist diese Sparsamkeit gerechtfertigt?

Rauch Es hilft keinem Kind und keinem Jugendlichen, der jetzt einen Platz braucht und keinen bekommt, wenn wir über Fertigstellung 2027 oder 2028 diskutieren. Denn wir haben schon jetzt einen massiven Bedarf. Wir müssen daher darauf fokussieren, was wir jetzt an kompensatorischen Leistungen im tagesklinischen, ambulanten und stationären Bereich leisten können. Da braucht es zusätzliches Budget. 

 

Wie viel konnten Sie als Kinder- und Jugendanwalt bewegen?

Rauch Es gab viele Verbesserungen: Vor 20 Jahren gab es keine Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche im Strafverfahren bei Sozial- und Gewaltdelikten. Es gab keinen Kinderbeistand bei eskalierten Scheidungsverfahren. Die Beteiligungsmöglichkeiten waren nicht annähernd so weit ausgebaut. Es gab auch eine beispielgebende Qualitätsentwicklung in der stationären Kinder- und Jugendhilfe.

 

Wo hätten Sie sich mehr gewünscht?

Rauch In Sachen Prävention gibt es einiges zu fordern. Ich sehe auch große Risiken, die durch die Pandemie verursacht wurden. Im Bereich der Kinderarmut ist die Situation nicht besser geworden. Für meinen Nachfolger Christian Netzer, der am 16. Mai die Funktion übernimmt, gibt es also genug zu tun.