Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Die Debatte

Vorarlberg / 10.05.2022 • 17:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eigentlich hat es Frau Ammann gerne friedlich. Aber, wie wir wissen, hat auch tief verinnerlichter Pazifismus seine Grenzen.

Die Debatte, die ein engagierter „Emma- Brief“ ( Alice Schwarzer) mit dem Hinweis auf die Gefahr eines Dritten Weltkriegs im deutschsprachigen Raum entfacht hat, nimmt zuweilen groteske Formen an. Ein „Gegenbrief “, von intellektuellen Kalibern wie Daniel Kehlmann oder Nobelpreisträgerin Herta Müller unterzeichnet, argumentiert mit realpolitischer Pragmatik und unterstützt sehr wohl Olav Scholz´ Entscheidung, schweres Gerät in die Ukraine zu schicken. Hier die Blauäugigen, dort die Realos und dazwischen ein Tyrann, dessen heilige Mission ihn immer unberechenbarer macht.

Appeasement

Frau Ammann schleppt mich immer wieder zum Emsbach, um die ganze Sache in allen Varianten bis ans Ende zu denken – schließlich geht’s um Leben und Tod – sterben tun aber die Ukrainer, und zwar für unsere Werte. Die vielgescholtene „Zögerlichkeit“ von Scholz sieht sie eher als Besonnenheit, und im ersten Moment konnte sie auch dem Emma-Brief etwas abgewinnen. Da waren wir nicht einer Meinung, wir zwei.

„Derjenige, der als Erster den Atomknopf drückt, ist als Zweiter tot. Das weiß auch Putin.“

Ich versuche sie auf meine Seite zu ziehen mit den Argumenten der Realos: „Die Zeit“ schreibt: „Die Unterzeichner des Emma-Briefs legen der Ukraine eine Kapitulation nahe. Das ist, angesichts der deutschen Geschichte, unverschämt.” Sehe ich auch so. Schon 1938 ist Chamberlains Appeasement-Politik gescheitert, denn ein Diktator (damals Hitler) empfindet Konzessionen des „Feindes“ als Schwäche und damit als Aufmunterung, den Raubzug fortzusetzen. Das war und ist auch Putins Logik. Kehlmann und Co stehen auf dem Standpunkt: „Putin fürchtet nicht die fiktive Bedrohung durch die Nato . . . sondern den demokratischen Aufbruch in ihrer Nachbarschaft.“ Genau darum geht es, denn Demokratie und die Europäische Friedensordnung sind Gift in Putins Blut.

Abschreckung

Dann ziehe ich noch zwei Zitate aus dem Blätterwald, die ihr doch nachhaltiger erscheinen als der „ Sofapazifismus“ der Emma-Gruppe. Der Leiter der Denkfabrik „ Zentrum für liberale Moderne“, Ralf Fücks, bringt es auf den Punkt: „Einen Atomkrieg verhindert man nicht durch Beschwichtigung, sondern durch Abschreckung. Wenn wir uns dieser Drohung beugen, dann machen wir uns vollständig erpressbar.“ Und noch prägnanter: „Friede ist NICHT der höchste aller Werte – der höchste Wert ist Freiheit und Gerechtigkeit.“ Hätte man Hitler nach seinem Polen-Überfall gewähren lassen, hätten wir die folgenden Dekaden im Schatten des Hakenkreuzes verbracht.

Ich bitte Frau Ammann sich vorzustellen, wie Frau Schwarzer auf den Emma-Brief reagieren würde, wenn sie grade in einem Bombenkeller in Mariupol am Verhungern wäre. Ich denke, auch sie würde kämpfen. Apropos Abschreckung: Derjenige, der als Erster den Atomknopf drückt, ist als Zweiter tot. Das weiß auch Putin.