“Es ist nicht fünf nach 12, es ist 13 Uhr”

Vorarlberg / 12.05.2022 • 22:14 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
ÖGB-Vorsitzender Reinhard Stemmer bei der Demo am Donnerstag. ÖGB
ÖGB-Vorsitzender Reinhard Stemmer bei der Demo am Donnerstag. ÖGB

Gewerkschaft und Arbeitnehmer schlagen im Pflegebereich Alarm.

BREGENZ, WIEN Die ersten Maßnahmen des Pflegepakets sollen noch vor dem Sommer im Nationalrat beschlossen werden. Gesprächsstoff gibt es davor mit den Sozialpartnern noch genügend. Am Donnerstag fanden in ganz Österreich Demonstrationen des Pflegepersonals statt, bei denen unter anderen auch die Gewerkschaften mitmarschierten. Reinhard Stemmer, Landesvorsitzender des ÖGB und von vida Vorarlberg, sieht im Pflegepaket auch einen Erfolg der Gewerkschaften, wie er den VN am Rande der Demo in Innsbruck sagte: „Damit wurden jahrelange Forderungen von uns umgesetzt.“

Besserer Pflegeschlüssel

„Was in dem Paket vorgestellt wurde, haben wir teilweise im Land schon umgesetzt. Zum Beispiel die sechste Urlaubswoche ab dem 43. Lebensjahr. Auch der Zeitausgleich für die Nachtarbeit wurde schon verwirklicht“, sagte Stemmer.

Die Hauptforderung der österreichweiten Demonstration der Pflegekräfte lag auf einem besseren Pflegeschlüssel, also dass weniger zu betreuende Personen pro Mitarbeiter eingeteilt werden. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei grundlegend, sagt Stemmer: „Wir retten uns jetzt im Moment nur darüber, dass der Betrieb halbwegs aufrechterhalten wird, dass die Kolleginnen und Kollegen füreinander einspringen.“ Das belaste das Privatleben.

Im SeneCura Sozialzentrum Hard habe die Pandemie das Personal vor Herausforderungen gestellt, sagt Gabriel Schneider, der dort für die Pflegedienstleitung zuständig ist: „Der Personalstand wurde aufgrund der vielen Absonderungen häufig eng. Wir haben am fünften Tag oft mitgefiebert, ob sich die Kolleginnen und Kollegen freitesten können. Zum Glück konnten wir uns in der SeneCura gegenseitig aushelfen.“

Die Pandemie berge aber nicht die einzige Herausforderung, berichtet Schneider: „Im Herbst werden sich einige Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel von der Pflegeassistenz zur Pflegefachassistenz weiterbilden. Darum suchen wir wieder Personal.“ Der Markt sei aber ziemlich leergefischt, erläutert er. Mit manchen künftigen Kolleginnen und Kollegen verhandle er bis zu einem halben Jahr, bis sie tatsächlich ins Team kämen. In Vorarlberg wird der Stellenschlüssel derzeit zwar nach oben angepasst. Mehr Personal würde auch für Entlastung sorgen, etwa dabei, Urlaub oder Überstunden abzubauen. Das Pflegepersonal hätte mehr Luft. Es sei aber nicht einfach, Personal zu finden.

Abwanderung in andere Branchen

Die Lage werde sich aufgrund der demografischen Entwicklung noch verschärfen, erinnert Schneider: „Man hat schon in den 90er-Jahren darüber diskutiert. Aber jetzt schlägt es 13 Uhr. Es ist nicht nur fünf nach zwölf.“

„Die Situation war schon vor der Pandemie prekär. Aber durch Corona sind viele Fachkräfte verloren gegangen“, bestätigt ÖGB-Chef Stemmer. Die Menschen seien in andere Branchen abgewandert, wo sie teilweise mehr Geld für weniger Arbeit erhalten. „Die kommen nie wieder zurück“, konstatiert Stemmer.

Dass es künftig einen staatlichen Bonus geben soll, beurteilt der Pflegedienstleiter Schneider positiv. „Ob das am Ende die Lösung ist, kann ich nicht sagen.“ Der Schlüssel für die Zukunft liege eher in der Jugend, ist Schneider überzeugt. „Die Pflegelehre könnte einen Teil davon abbilden. Aber es bräuchte auch eine bessere Bezahlung in der Ausbildung. Die Krankenpflegeschüler sollten finanziell mit den Polizeischülern gleichgestellt werden.“ Diese erhalten derzeit monatlich – je nach Ausbildungsjahr – zwischen 1800 und 2400 Euro brutto. Während der einjährigen Pflegeassistenzausbildung gibt es in der Regel 170 Euro monatlich. Bei der Pflegefachassistenz sind es 170 bis 340 Euro, bei der Diplomausbildung zwischen 350 Euro monatlich im ersten und 620 Euro im dritten Jahr.

Der Sozialminister kündigte für Neueinsteiger nun einen Zuschuss von 600 Euro monatlich an. Um- und Wiedereinsteiger können während einer vom AMS geförderten Ausbildung mit mindestens 1400 Euro monatlich rechnen.

„Das freut mich zu hören“, hält Schneider fest. Es sei zwar nicht die große Reform, aber ein gutes Zeichen, ein Schritt in die richtige Richtung. VN-EBI, JUS