Nur eine Dattel am Tag: Wie Ehab Issa die Flucht aus Syrien erlebte

Vorarlberg / 15.05.2022 • 12:05 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Ehab Issa ist neuer Postpartner in Nüziders. Er hat eine bewegende Geschichte zu erzählen. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Ehab Issa ist neuer Postpartner in Nüziders. Er hat eine bewegende Geschichte zu erzählen. VN/JUN

Der Syrer Ehab Issa ist neuer Postpartner in Nüziders. Sein Weg bis hier hin war alles andere als leicht.

Nüziders Es ist 12 Uhr. Ehab Issa will eigentlich die Poststelle schließen und Mittagspause machen, da kommen drei Nüziger eiligen Schrittes vorbei, um noch Pakete aufzugeben. In Ruhe scannt Ehab Issa den Barcode ab, anschließend legt die Frau das große, flache Amazon-Paket gegenüber vom Schalter ins Eck auf den Boden. Dann ist Mittagspause und Ehab Issa dreht den Schlüssel der Eingangstür um.


Seit Februar ist er Postpartner und führt den Laden in der Sonnenbergstraße 6. Er kennt fast jeden in Nüziders, war er doch davor vier Jahre Paket- und Briefzusteller in der Walgaugemeinde. 250 Pakete musste er am Tag ausliefern, die Zeit immer im Nacken. Noch dazu war er Springer für andere Bezirke – ein stressiger Job mit hohem Druck. Anfang des Jahres fragte ihn Natalya Berezovska, ob er das Geschäft übernehmen wolle. Ihre Mitarbeiterin habe gekündigt und alleine wolle sie den Laden nicht führen. Ehab Issa sagte zu, weiß aber auch, dass er auf Dauer eine Aushilfskraft braucht, die ihn bei Krankheit und im Urlaub vertritt. Er mag seine Arbeit, kommt er doch jeden Tag mit Menschen in Kontakt und kann so seine Deutschkenntnisse verbessern. Der Syrer ist 2015 mit seinen Töchtern und seiner Frau aus Syrien geflüchtet – eine lange, gefährliche und kräftezehrende Reise stand ihnen bevor.

Schulhof bombardiert

Ehab Issa war in Syrien Volksschullehrer, hat jedoch nur einen Monat lang diesen Beruf ausgeübt, da die Stadt Dar‘ā, in der die Schule lag, hart umkämpft war. „Kampf und Feuer“: Mit diesen Worten beschreibt Ehab Issa in seinem gebrochenen Deutsch die Stadt, in der er arbeitete. Eines Tages ließ er seine Schüler nicht wie sonst in der Pause auf den Schulhof spielen, aus Strafe, da sie im Unterricht nicht brav waren. Es war eine kleine Schule und Ehab Issa der einzige Lehrer, der deshalb auch jedes Fach unterrichten musste. Während der Pause mussten sich die Kinder also im Klassenzimmer aufhalten, als auf einmal draußen auf dem Schulhof eine Bombe einschlug. Auch seine Wohnung wurde damals bombardiert. Seine Tochter wurde haarscharf neben ihrem Auge verletzt, auch er selbst trug einige Wunden davon.


Nach einem Monat wollte er nicht mehr in dieser gefährlichen Stadt unterrichten und kündigte. Die Polizei schickte ihm daraufhin ein Schreiben, mit der Aufforderung, in die Armee einzurücken. Das wollte aber Ehab Issa noch weniger, als in Dar‘ā zu unterrichten, denn er will nicht gegen andere kämpfen und keinen Krieg führen müssen. Er will nur Frieden. Also flohen er, seine Frau und seine zwei kleinen Töchter aus Syrien. „2015 war eine verrückte Zeit in Syrien. Komplett Syrien hatte Krieg“, sagt Ehab Issa. Es sei zu gefährlich gewesen, dort weiterhin zu leben. Das Wort „verrückt“ kommt in seinem Wortschatz öfters vor, nicht nur den Krieg in Syrien beschreibt er so, sondern auch seine Flucht nach Österreich, sein Handeln, er selbst.

Eine Dattel am Tag

Vier Stunden waren sie auf hoher See im Mittelmeer, mit einem kaputten Schlauchboot. Glücklicherweise haben alle überlebt. In Mazedonien war es dann „ganz schlecht“. Um nicht von der örtlichen Polizei erwischt zu werden, die sie wieder zurück nach Griechenland schicken würde, mussten sie abseits der Straßen gehen. „15 Tage lang hatten wir fast nichts zu essen und zu trinken“, erinnert sich Ehab Issa zurück. „Es gab nur eine Dattel am Tag für jeden von uns und für unsere Töchter ein Stück Snickers.“ Er ärgert sich, dass er für die Flucht mit seiner Familie 13.500 Euro zahlen musste. Große Strecken legten sie bis Österreich zu Fuß zurück. Zwischen Belgrad und der Grenze Ungarns fuhren sie mit einem Bus.


Nach drei Monaten kamen sie in Bad Hall in Oberösterreich an. Eine Flüchtlingsunterkunft wurde ihr Zuhause. Eineinhalb Jahre verbrachten sie in Oberösterreich, besuchten Deutschkurse, halfen ehrenamtlich anderen Flüchtlinge, aber fanden selbst keine Arbeit. Dann sagte ein Verwandter von ihnen, der in Vorarlberg wohnt, dass es hier für sie bessere Berufschancen gäbe. Also zogen sie 2017 nach Bludenz und sind bis heute dort geblieben.

In Kontakt kommen

Erst in Vorarlberg hat Ehab Issa angefangen, zu arbeiten. Zwei Deutschkurse hat er hinter sich. „Wenn man(n) es will, kann man es auch schaffen“, ist Ehab Issa überzeugt. Er mag es, in seinem Job mit Leuten zu tun zu haben, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Maschinenarbeit wäre gar nichts für ihn. Auch den Beruf des Lehrers habe er an den Nagel gehängt. Das habe er bereits in Österreich ausprobiert und festgestellt, dass er die Schüler – auch aufgrund ihres Dialektes – einfach nicht versteht.


Was er an Österreich so mag: „Alle sind freundlich“, sagt der Muslim. „Für uns ist es hier gut.“ Neben dem Annehmen von Paketen bestellt er auch neue Waren wie Cremes, Kaffee, Reinigungsmittel und Kerzen. „Vor allem der Kaffee läuft gut“, sagt er. Von der Nüziger Bevölkerung wurde er gut aufgenommen. Er und seine Familie sind hier gut integriert, gehen auch auf Volksfeste in Tracht. Mit Vorarlberger Freunden und einer Familie aus Oberösterreich, die jeden Sommer zu Besuch kommt, grillen sie gerne. Am Wochenende kickt er am liebsten auf dem Fußballplatz beim ValBlu mit seinen griechischen, türkischen und arabischen Freunden. „Wir sind zufrieden“, sagt Ehab Issa. Und genauso zufrieden setzt er sich nach draußen auf die Bank vor seinem Lädele, schaut dem Dorftreiben zu und genießt die Sonne in seiner Mittagspause. VN-JUN