Auf der Suche nach den Wurzeln

Vorarlberg / 16.05.2022 • 20:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Priya Ender hat neben dem Eventbusiness einen spirituellen Weg gewählt. HRJ
Priya Ender hat neben dem Eventbusiness einen spirituellen Weg gewählt. HRJ

Mit ihrem Herkunftsland hat Priya Ender eine spirituelle Beziehung.

KOBLACH Woher stamme ich ab? Wer sind meine leiblichen Eltern? Wer sind meine Vorfahren? Warum wurde ich weggegeben? Diese Fragen stellt sich wohl jedes Adoptivkind. Priya Ender ist da keine Ausnahme. Die Inderin wurde knapp zweijährig vom Vorarlberger Ehepaar Ender adoptiert. „Ich hatte großes Glück“, sagt sie, „neben liebevollen Eltern habe ich auch noch zwei Brüder bekommen.“

An ihre ersten zwei Lebensjahre hat Priya, die am 23. August 1977 in einem katholischen Kinderheim in Mumbai zur Welt gekommen ist, naturgemäß keine Erinnerung. Sie weiß jedoch, dass ihre Mutter aus Bihar, einem der ärmsten Länder Indiens, stammt und aufgrund ihrer schwierigen sozialen Situation ihr Kind zur Adoption freigegeben hat.

Das kleine Mädchen verlässt 1979 das Kinderheim in Mumbai und reist nach Nüziders, wo es in der Obhut ihrer neuen Familie aufwächst. „Ich hatte eine wunderbare Kindheit und Jugend“, schwärmt Priya. Die meiste schulfreie Zeit habe sie im Pferdestall der Nachbarn verbracht: „Ich half bei der Pflege der Ponys und beim Stallausmisten. Im Gegenzug durfte ich reiten.“

Nach der Matura entscheidet sich Priya für das Tourismus-College in Innsbruck. Anschließend studiert sie Tourismus und Freizeitwirtschaft an der Fachhochschule in Krems. Zwischendurch legt sie in Frankreich ein Auslandssemester und in England einen Sprachaufenthalt ein, nimmt in Spanien am Erasmus-Programm (ein EU-Förderprogramm für Studenten) teil und absolviert diverse Praktika im Eventbereich. Nach ihrer Ausbildung ist Priya im Eventbusiness hängengeblieben. „Gearbeitet habe ich immer in Liechtenstein“, erzählt sie. „Einmal für eine Bank, dann bei Hilti.“ 2008 hört sie auf. „Der Tod meines Bruders mit nur 39 Jahren hat in mir ausgelöst, mich mit dem Thema Sterben und Endlichkeit zu beschäftigen und meine Lebensgestaltung entsprechend zu ändern.“ Priya wählt einen spirituellen Weg – „ich begann mit Meditation und Achtsamkeitsschulung“ – und wendet sich ihrer unveränderten Leidenschaft, den Pferden, zu. Sie bringt Kindern und Jugendlichen das Reiten bei, aber auch den richtigen Umgang mit Tieren und der Natur. Ihre Pferde, der irische Wallach Sanches und das deutsche Reitpony Mucko, sind auf einem Bauernhof in Koblach untergestellt.

Aus wirtschaftlichen Gründen ist Priya, die sich übrigens als „glückliche Single“ bezeichnet, mittlerweile wieder im Eventmanagement beschäftigt. Derzeit leitet sie die Event- und Kommunikationsprojekte der Liechtensteiner Agentur Kontakt Komponisten.

Ihren spirituellen Weg geht Priya trotzdem weiter. Sie eignet sich die Heilmethoden nach dem spirituellen Hindu-Lehrmeister Sri Kaleshwar sowie das alte Heilwissen der südamerikanischen Q‘ero Schamanen an und wird energetische Begleiterin. Unter anderem hilft sie den Menschen, die sich ihr anvertrauen, Ruhe, Kraft, Stabilität und Harmonie zu finden. Ihre Klienten berät sie online oder empfängt sie in ihrer Wohnung in Koblach. Die liegt am Waldrand, umgeben von den Geräuschen der Natur.

Im Übrigen führt Priya ab 7. Juni einen Chakren-Meditationskurs in Weiler durch, und ab Ende Juni bietet sie einmal wöchentlich indische und schamanische Heiltechniken im Hotel Goldener Berg in Oberlech an. (Infos: www.priyamariaender.at)

Nachdem sich Priya bei der Caritas zur Hospizbegleiterin ausbilden ließ, gehört auch Sterbe- und Trauerbegleitung zu ihren Betätigungsfeldern. „Damit kann ich etwas an die Gemeinschaft zurückgeben, von der ich so viel geschenkt bekommen habe“, betont sie.

Schöner, intensiver Moment

In Vorarlberg fühlt sich Priya daheim, „mit Indien verbindet mich eine spirituelle Beziehung“. Zweimal war sie bereits dort, auf der Suche nach ihren Wurzeln. Beim ersten Mal reiste sie 20-jährig und in Begleitung ihrer Adoptivmutter nach Mumbai: „Wir besuchten das Kinderheim, in dem ich geboren wurde. Es war ein schöner, intensiver Moment.“ Neun Jahre später tourte sie allein durch Indien.

Jetzt hat sie wieder das Bedürfnis, die spirituelle Beziehung zu ihrem Herkunftsland zu stärken: „Es zieht mich vor allem nach Bihar ins Valkmiki Tigerreservat.“ Dennoch schätzt sie es sehr, in Vorarlberg zu leben, stellt Priya Ender klar: „Ich habe hier ein wundervolles Zuhause bekommen, und dafür bin ich dankbar.“

„Ich habe hier ein wundervolles Zuhause geschenkt bekommen, und dafür bin ich dankbar.“

Die Pferde Mucko und Sanches sind Priyas große Liebe. ENDER
Die Pferde Mucko und Sanches sind Priyas große Liebe. ENDER