Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Vergessene Frauen

Vorarlberg / 17.05.2022 • 22:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wie weit reicht Solidarität für Menschen in Not? Nachbarn zu helfen sollte in unserer Gesellschaft wohl selbstverständlich sein. Zumindest wenn man sie kennt, was selbst in der unmittelbaren Umgebung nicht mehr immer der Fall ist. An dieses Gefühl der Verbundenheit appelliert die Politik, wenn sie die leidgeprüfte Ukraine als Nachbarstaat bezeichnet, obwohl wir zumindest die Slowakei oder Ungarn durchqueren müssen bis zur Grenze. Aber gemeint ist selbstverständlich die Zugehörigkeit zu Europa und damit zu unserem Kulturkreis.

Dennoch ist die von AMS-Chef Johannes Kopf vorgeschlagene Erhöhung der Zuverdienstgrenze von derzeit 110 Euro für Ukrainer problematisch. Natürlich ist es zielführend, alle Hürden für eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt abzubauen. Einen Teil zu ihrem Einkommen selbst beizutragen, tut dem Selbstbewusstsein der ohnehin hart geprüften Menschen ebenso gut wie unserem Solidarnetz und Wirtschaftssystem. Zweifellos eine Win-Win-Situation. Trotzdem dürfen wir geflüchtete Menschen nicht in zwei Klassen einteilen. Warum Ukrainern etwas erlauben, was Syrern zum Beispiel verwehrt bleibt?

Wenn jene Gruppen, die als schwer zu integrieren gelten, nicht die gleichen oder gar weniger Erleichterungen erfahren, so nennt sich dies in der Psychologie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn wir von einem Umstand ausgehen, unternehmen wir alles, damit dieser auch eintritt. Selbst ursprünglich falsche Erwartungen werden so am Ende bestätigt. Nebenbei gewöhnen wir uns immer mehr an den Gedanken, dass selbst in einer Demokratie Rechte nicht für alle gleich gelten müssen. Parteien orientieren sich an einer vermuteten Mehrheitsmeinung oder zumindest an einer angenommenen Zumutbarkeit. Stellt sich die Frage, warum es uns so schwerfällt, hinter Herkunft, Religion, Hautfarbe oder Sprache einfach die Menschen zu sehen?

Das spüren momentan vor allem die vergessenen 20 Millionen Frauen von Afghanistan. Unter die Burka gezwungen, vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, ohne Schulbildung für Mädchen verliert erneut eine ganze Generation jegliche Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben. Die dort sich anbahnende humanitäre Krise scheint uns weit entfernt. So wie an vielen anderen Orten der Welt. Statt der längst versprochenen 0,7 Prozent des BIP leistet Österreich beschämenderweise immer noch nicht einmal die Hälfte für Entwicklungshilfe, für die oft so gern zitierte „Hilfe vor Ort“. Das Rote Kreuz kritisiert, dass das Dreijahresprogramm für die Jahre 2022 bis 2024 immer noch nicht beschlossen wurde. Das Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich, zwischen Demokratien und Diktaturen, zwischen Kampf ums Überleben und Wohlleben auf Kosten der Umwelt bilden die Grundlage für eine weitere Katastrophe, in die wir sehenden Auges gehen.

„Nebenbei gewöhnen wir uns immer mehr an den Gedanken, dass selbst in einer Demokratie Rechte nicht für alle gleich gelten müssen.“

Kathrin Stainer-Hämmerle

kathrin.stainer-­haemmerle@vn.at

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.