Warum im Silbertal Goldgräberstimmung herrscht

Vorarlberg / 20.05.2022 • 09:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Architekt Matthias Hein, Raumplaner Herbert Bork, die Architekten Josef Fink und Michelangelo Zaffignani und Bürgermeister Thomas Zudrell (v. l.) präsentierten das Raumplanungsmodell für Silbertal. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Architekt Matthias Hein, Raumplaner Herbert Bork, die Architekten Josef Fink und Michelangelo Zaffignani und Bürgermeister Thomas Zudrell (v. l.) präsentierten das Raumplanungsmodell für Silbertal. VN/JUN

Drei Architekten stellten zusammen mit Bürgermeister Thomas Zudrell und Raumplaner Herbert Bork den Räumlichen Entwicklungsplan vor.

Silbertal Es herrscht Aufbruchsstimmung im 850-Seelen-Örtchen Silbertal. 400 bis 450 Gästebetten müssen entstehen, damit die Kapellbahn verlegt und erneuert wird. Ein ausgestorbenes Chaletdorf wie in Galgenul will aber niemand haben, also sind die Silbertaler selbst gefragt, aus Erde Gold zu machen.

Die Gemeinde lud ihre Bürger ins Vereinshaus, um dort den Räumlichen Entwicklungsplan (REP) vorzustellen, dessen Entwurf die Gemeindevertretung im Sommer beschließen soll. Der REP ist bei den Gemeindevertretern auf ein positives Echo gestoßen, wie Bürgermeister Thomas Zudrell den Silbertalern mitteilte. Doch es gibt auch ein paar Unschärfen.

Kein Chaletdorf erwünscht

Der REP, ein Planungsinstrument für die nächsten Generationen, konzentriert sich primär auf das Zentrum sowie auf das Filetstück, den Parkplatz der Kapellbahn. Herbert Bork vom Raumplanungsbüro stadtland sowie die drei beauftragten Architekten Josef Fink, Matthias Hein und Michelangelo Zaffignani stellten ihre touristischen Pläne für das Montafoner Seitental vor.
Die Bettenanzahl ist in den letzten Jahren auch durch den Wegfall vieler Privatzimmer deutlich zurückgegangen. Ziel ist es, diese wieder auf das Niveau der 90er Jahre (rund 12.000) zu bringen, also 450 Betten mehr anbieten zu können. Mit einem Chaletdorf außerhalb des Zentrums auf einem Hang ginge das zwar problemlos, aber damit ist niemand glücklich. Die Gäste, die wegen der Bilderbuchlandschaft hierherkommen, sollen vielmehr mit den Einheimischen in Kontakt treten und Teil des Ortes werden, erläuterte Michelangelo Zaffignani.

Das Ortszentrum von Silbertal könnte noch mehr verdichtet werden. <span class="copyright">STR</span>
Das Ortszentrum von Silbertal könnte noch mehr verdichtet werden. STR

Ein Chaletdorf wäre wie ein Satellit im Ort, aber mit diesem nicht verbunden. Geht der Investor bankrott, fällt das „Problem“ an die Gemeinde zurück. „Wir sehen ein Chaletdorf kritisch. Das ist nicht die Form des Tourismus, die euch vorwärtsbringt“, beurteilte Josef Fink ein solches Projekt. Die Einheimischen sollen lieber kleine Pensionen oder Hotels betreiben. Die anwesenden Bürger waren froh, dass auch die drei Architekten keinen nachhaltigen Nutzen in einem Chaletdorf sehen. Stattdessen sollen die Betten im Ortskern entstehen, einzelne Chalethäuser würden sich gut im Dorf integrieren. So könne man diese, falls sie irgendwann leer stehen sollten, leichter umnutzen, führte Matthias Hein aus. Thomas Zudrell ist erleichtert: „Ich bin froh, dass kein Chaletdorf kommt. Es kann uns nichts Besseres passieren.“

Ein Filetstück wird frei

Die Kapellbahn soll in Zukunft näher in den Ort hinein verlegt werden. Möglich wäre eine neue Talstation zusammen mit der Kristbergbahn. Zu diesem Bahnkonzept wurden schon einige Vorbereitungen getroffen, verriet Thomas Zudrell. Dann würde der Parkplatz der jetzigen Kapellbahn frei werden, das Filetstück, das man leicht bebauen kann, um Betten zu schaffen. 162 Zimmer wären hier vorstellbar. Da keiner gerne von oben auf parkende Autos schauen möchte, wäre eine Tiefgarage denkbar. „Wir wollen die Autos aus dem Dorfbild weghaben“, erklärte Michelangelo Zaffignani.

Bei der Schule könnte ein zweites Ortszentrum entstehen. <span class="copyright">STR</span>
Bei der Schule könnte ein zweites Ortszentrum entstehen. STR

Ein Privileg, das Silbertal hat, sind die vielen gemeindeeigenen, bebaubaren Grundstücke. „Es gibt viele attraktive Plätze, die bebaut werden können“, sagte Josef Fink. Vor allem dem Zentrum fehle eine räumliche Dichte, die aber „geschickt wäre, um das Zentrum zu stärken“. Eine weitere Zersiedlung dürfe nicht passieren. Stattdessen müssen die Silbertaler wieder enger zusammenrücken, im baulichen wie metaphorischen Sinne. Auch die Schule hätte Potenzial, als zweites Zentrum wahrgenommen zu werden, würde man hier bauliche Impulse setzen. Hier könnten öffentliche Gebäude wie eine kleine Touristeninformation, ein Arzt oder Friseur angesiedelt werden.

Hotel Bergkristall will erweitern

Ein Betrieb, der gerne vergrößern würde, ist das Hotel Bergkristall im Ortszentrum. Doch bei diesem Projekt gibt es noch Klärungsbedarf, denn an sich spricht zwar nichts gegen eine Erweiterung, doch diese müsse eben für alle Bürger passen, sagte Thomas Zudrell. Bis jetzt wurden noch zu wenige Ideen diskutiert. Wenn man das kreative Potenzial ausschöpfe, ist Michelangelo Zaffignani überzeugt, „findet man genau die Idee, die alle Wünsche abdeckt“.


Halten die Silbertaler zusammen und stemmen sie die Investitionen selbst, entstehe eine Eigendynamik, die für die nötige Gästeanzahl sorgen wird. Tourismusobfrau Anne Rudigier zweifelte, dass das klappt: „Es ist fraglich, ob man die Leute zusammenbringt.“ Für Privatvermieter Jürgen Berthold müssen die Rahmenbedingungen für eine Investition passen: „Es ist risikoreich, privat zu bauen. Es muss gesichert sein, dass die Bahn auch läuft.“ Doch im Endeffekt bleibt den Silbertalern keine andere Wahl, als zu investieren: „Wir sind alle abhängig vom Tourismus, sonst leben wir wie vor 100 Jahren“, sagte Gemeindevertreter Martin Willi.

Bei der Bürgerveranstaltung war viel los. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Bei der Bürgerveranstaltung war viel los. VN/JUN

Die letzte Wintersaison war mit knapp 90.000 Nächtigungen sehr gut, aber Thomas Zudrell weiß auch: „Wir sind auf die Kapellbahn im Winter angewiesen.“ Wenn die Silbertaler ihr Dorf nicht entwickeln wollen, „habe ich keine Ahnung, wie das weitergehen soll. Persönliche Befindlichkeiten müssen hintenangestellt werden. Ich hoffe, mit dieser Bürgerveranstaltung haben wir den Stein ins Rollen gebracht.“ Michelangelo Zaffignani brachte es auf den Punkt: „Wenn ihr die 400 Betten nicht zusammen erreicht, dann scheitert das ganze Konzept.“ Matthias Hein machte den Bürgern Mut: „Zum Schluss wird es immer besser, nie schlechter.“

Wie es mit der Kapellbahn weitergehen soll

Die Silvretta Montafon (SiMo) hat die Besucherströme an der Kapellbahn letzten Winter gemessen. An einem Tag sind nur fünf Leute hochgegondelt – mit Abstand die niedrigste Frequenz. 21.456 Gondelfahrer wurden im letzten Winter gezählt. Zum Vergleich: Die Madrisellabahn – die am stärksten frequentierte Bahn der SiMo – befördert pro Tag rund 20.000 Skifahrer. Die SiMo musste in den letzten zwei Jahren einen sechsstelligen Betrag in die Kapellbahn pumpen, damit sie überhaupt noch fährt. Die Konzession der Bahn wurde bis 2041 verlängert, was aber nicht heißt, dass nicht schon früher etwas getan werden muss, so Kilian Zinnecker, Projektmanager für Tiefbau bei der Silvretta Montafon. Man müsse Maßnahmen entwickeln, um die Attraktivität der Bahn zu steigern, doch das gehe nur mit einem Commitment von allen Seiten. Wenn die Bahn ins Zentrum verlegt wird, müsse der jetzige „uralte“ Zweier-Sessellift gegen eine Pendelbahn von Doppelmayr ausgetauscht werden, damit man die Bahn effizienter betreiben kann. Einen Projektablaufplan gibt es noch nicht, das wäre der nächste Schritt. „Jeden Monat, in dem wir nichts tun, gehen uns Betten verloren“, weiß Kilian Zinnecker.