Von der „Irrenanstalt“ zum Krankenhaus

Vorarlberg / 22.05.2022 • 07:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Von der „Irrenanstalt“ zum Krankenhaus
Der Anstaltskomplex Valduna in den 1920er-Jahren: links die private Wohltätigkeitsanstalt, rechts die öffentliche Irrenanstalt. Bildquellen: Vorarlberger Landesbibliothek;
Karlheinz Frick; Privat; unbekannter Maler

Der Anstaltsdirektor und Reformer Dr. Peter Paul Pfausler (1871–1924).

Im Gegensatz zu ihrem Sohn verreisten die Eheleute Alois und Josefa Pfausler aus Roppen im Tiroler Inntal nur selten; und gemeinsam schon gar nicht, weil sie eine Landwirtschaft samt einer Metzgerei zu versorgen hatten. Im Juni 1897 aber tauchten die beiden in Rankweil auf, weil sie nicht ohne Elternstolz die erste Wirkungsstätte ihres Sohnes Dr. Peter Paul Pfausler sehen wollten. Dieser war eben als Sekundararzt an die „Landesirrenanstalt Valduna“ verpflichtet worden. 1871 geboren, absolvierte der junge Tiroler das Gymnasium in Brixen und sein Medizinstudium in Innsbruck, ehe er 1896 in Praktika bei angesehenen Psychiatern in Heidelberg und München erste Berufserfahrungen sammeln konnte. Im April 1897 trat er seinen Dienst in Rankweil an, 1900 wurde er zum provisorischen und 1902 zum definitiven Leiter der Anstalt bestellt.

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Anstaltsdirektor Dr. Peter Paul Pfausler um 1900.

Die „Landesirrenanstalt Valduna“ war um 1900 ein schwieriges Unternehmen. Einmal, weil den psychisch kranken Pfleglingen hauptsächlich Verwahrung, kaum Heilung zuteil wurde; weil die Möglichkeiten der Psychiatrie noch sehr beschränkt waren; auch weil die sparsamen Landespolitiker kostspielige, aber notwendige Reformen immer wieder aufschoben, und weil sich Land und Gemeinden bei der Aufbringung der Pflegekosten oft uneins waren. Dazu kamen der schlechte Zustand des Hauses und seine Überbelegung; und schließlich die Rivalitäten zwischen der öffentlichen „Irrenanstalt“ und der in unmittelbarer Nachbarschaft befindlichen privaten „Wohltätigkeitsanstalt“ (WA). Damit sind nicht alle, aber wesentliche Problemfelder angesprochen, die Dr. Peter Paul Pfausler bei seiner Amtsübernahme vorfand. Seine Vorgänger als Anstaltsleiter waren jeweils nach zum Teil recht kurzen Dienstzeiten zurückgetreten. In dem jungen, energischen Tiroler Arzt hoffte die Landesregierung den Mann gefunden zu haben, der zumindest einige der Probleme abtragen konnte. 1902 beschrieb er in einer Denkschrift an den Landtag den Zustand der Anstalt und schlug die notwendigen Reformen vor. Der wichtigste Reformschritt müsse sein, so Pfausler, aus der „Zwangsbewahranstalt“ eine „Krankenanstalt“ zu machen. Die vorgeschlagene Zusammenlegung der Irrenanstalt mit der Wohltätigkeitsanstalt, die laut Statuten ein „Asyl für sittlich Verwahrloste und mit ekelerregenden Krankheiten behaftete Menschen“ sein sollte, kam trotz der Bemühungen von Regierung und Landtag nicht zustande. Über die Initiative zur Zusammenlegung der Häuser war das Kuratorium der WA zutiefst erbost und kündigte Pfausler den Vertrag als Hausarzt der WA. So versuchte Pfausler wenigstens „seine“ Anstalt durch medizinische Neuerungen und bauliche Maßnahmen zu einem zeitgemäßen Krankenhaus umzubauen. Ein kompletter Neubau an anderem Ort wurde von der Regierung aus Kostengründen abgelehnt.

In einem Vortrag vor dem Vorarlberger Ärzteverein legte der Anstaltsdirektor sein ärztliches Konzept offen: sowohl die angewandten Therapien als auch die Medikationen bei verschiedenen Krankheitsverläufen. Warme Bäder spielten dabei als therapeutische Anwendung ebenso eine Rolle wie sedierende Medikamente. Grundsätzlich aber war es Pfausler wichtig, dass „in unserer Anstalt Zwangsmittel in keinerlei Form in Verwendung kommen“. Damit hatte ein ganz heftiger frischer Windstoß moderner psychiatrischer Medizin die stickige Valduna durchlüftet. Neuerungen, die dem Land als Erhalter finanzielle Mittel abgefordert hätten, konnte er nur zu einem geringen Teil durchsetzen.

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Prämierter Schweine­stall im Gutshof Tufers, geplant von Dr. Pfausler um 1908.

In seinen frühen Jahren als Anstaltsleiter beteiligte sich Dr. Pfausler am aktuellen wissenschaftlichen Diskurs. So publizierte er beispielsweise in einer Fachzeitschrift einen provokanten Artikel mit dem Titel „Schutz des Publikums vor den Psychiatern“. Darin polemisierte er gegen schnelle psychiatrische Gutachten, die über die Existenz eines Menschen entscheiden konnten.

Mit dem Ankauf eines landwirtschaftlichen Anwesens zur Beschäftigungstherapie und zur Eigenversorgung der Anstalt, in der zwei Ärzte, geistliche Schwestern und Pfleger durchschnittlich 170 Pfleglinge betreuten, wurde eine der Forderungen Pfauslers erfüllt. Diesem Gutshof, damals als „die Ökonomie“ bezeichnet, widmete Dr. Pfausler in den Folgejahren einen wesentlichen Teil seiner unerschöpflich scheinenden Tatkraft. Der Bauernsohn hatte sich ein angestammtes Interesse an der Landwirtschaft erhalten und mit großem Wissen die „Ökonomie“ in Tufers zu einem Musterbetrieb ausgebaut. Besonders die von ihm initiierten und entworfenen Stallbauten erregten überregionale Beachtung. Der Pfausler‘sche Schweinestall wurde auf der Landwirtschaftsausstellung in Leipzig preisgekrönt. Die Folge war eine Berufung zum Berater des Ackerbauministeriums für landwirtschaftliche Baufragen.

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Edith O‘Shaughnessy, amerikanische Schriftstellerin (1876-1939) und langjährige Gesprächspartnerin des Chefarztes.

Die amerikanische Schriftstellerin Edith O‘Shaughnessy war zwischen 1900 und 1915 jährlich in Rankweil und residierte bei diesen Besuchen im Gasthaus Hecht. Ihr psychisch kranker Bruder war zu dieser Zeit der bestzahlende Privatpatient in der Valduna. Öfters traf sich Dr. Pfausler mit der Amerikanerin zum gemeinsamen Abendessen. Der Doktor war ihr stets ein willkommener und informativer Gesprächspartner, dem sie in ihrem Rankweil-Buch ein eigenes Kapitel widmete. Er sei ein stattlicher Herr mit breiten Schultern gewesen, denen man vielerlei Lasten aufbürden konnte. Selbstbewusst sei er aufgetreten, je nach Ort und Situation konnte er aber auch recht demütig sein. Ein Fels in der Brandung der täglich an ihn herangetragenen Anforderungen sei er gewesen. Er habe kaum ein Privatleben gehabt, die Anstalt habe ihn rund um die Uhr beansprucht. Das sei auch der Grund dafür gewesen, warum er nicht geheiratet habe. Einen konkreten Grund für seinen Singlestatus erzählte Pfausler selbst in einer sehr niedergeschlagenen Stimmung während des Krieges seinem Unterarzt, Freund und Nachfolger Dr. Thomas Scherrer. Er sei eines Nachts, so schilderte Pfausler, in einem Hotel in Venedig, zu einem Notfall gerufen worden. Ein Kind sei von Fieberkrämpfen geschüttelt worden. Als er das Kind beruhigt hatte, sah er auch die Mutter, eine Gräfin aus Florenz, entspannt. Die Frau habe ihn so in Bann geschlagen, dass er ihre Erscheinung – eine solche sei sie für ihn gewesen – nicht mehr aus seinem Kopf gebracht habe. Er habe augenblicklich erkannt, dass sie die ergänzende Hälfte seiner unfertigen Existenz wäre. Sie habe aber keinen Lebenswillen gehabt und sei kurz nach ihrer Begegnung verstorben.

Angesichts des Arbeitspensums von Dr. Pfausler wäre ein Familienleben tatsächlich kaum vorstellbar gewesen. Neben seiner aufreibenden Tätigkeit in der Irrenanstalt waren seine Expertise, seine feste katholische Weltanschauung sowie seine Rednergabe vielerorts gefragt. Und er ließ sich offensichtlich nicht ungern verpflichten. So trat er mehrfach bei der von ihm mitgegründeten katholischen Studentenverbindung Tirolia als Festredner auf, fungierte während des Krieges als Mitglied der „Preisprüfungsstelle“, die den Wucher verhindern sollte, weilte mehrfach als Konsulent des Ackerbau- und dann des Landwirtschaftsministeriums in Wien, war Mitglied des Feldkircher Bezirkschulrates und nach 1918 des Landesschulrates sowie des Sanitätsrates. Auf vielen Feldern habe er, so O‘Shaughnessy, wie fruchtbringendes Wasser gewirkt. Er sei sein Leben lang „ein stiller Wohltäter“ gewesen, rühmte ihm eine Tiroler Zeitung nach, der die Bezüge seiner Reisepauschale für „landwirtschaftliche Stipendien und Dienstbotenprämien“ zur Verfügung gestellt habe.

Der Erste Weltkrieg, welcher der Valduna neben den allgemeinen personellen und materiellen Einschränkungen eine Überfüllung mit traumatisierten und tuberkulosekranken Soldaten bescherte, führte schließlich zur Erschöpfung des vielbeschäftigten Anstaltsdirektors. Seinem Freund Dr. Scherrer gestand er 1920, er sei ausgebrannt, und die Landesregierung ersuchte er 1921, ihn in den vorzeitigen Ruhestand zu entlassen, da er sich von „einer Grippe nicht mehr erholt habe“.

Jodok Fink aber, der zusammen mit dem Tiroler Landeshauptmann nach dem Krieg eine „Agrarbank für die Alpenländer“ gegründet hatte, wollte die Fähigkeiten Dr. Pfauslers nun als Bankdirektor weiterhin öffentlich wirksam sehen. Erstmals war man aber in dieser Funktion in der Vorarlberger Landesregierung mit dem bisher Vielgelobten nicht zufrieden. Der neue Bankdirektor entwickle, schrieb der besorgte Finanzlandesrat Dr. Johann Josef Mittelberger, neue Ideen mit „fabelhafter Großzügigkeit“, ohne diese zu realisieren. In diesen beiden Männern trafen in der Tat ein korrekter, Risiko und Veränderung scheuender Verwalter und ein geerdeter, zugleich weltoffener Visionär aufeinander.

Bei den ersten freien Wahlen der landwirtschaftlichen Interessenvertretung im März 1922 wurde Dr. Peter Paul Pfausler zum ersten Präsidenten des Tiroler Landeskulturrates gewählt. Doch bereits am 24. Jänner 1924 war die Lebenskraft dieses umtriebigen und kompetenten Arztes, dieses umsichtigen Verwalters, dieses landwirtschaftlichen Pioniers und Interessenvertreters erschöpft. Alle Nachrufe rühmten diese Qualitäten ausführlich. Dem Menschen Pfausler hat die Amerikanerin O‘Shaughnessy ein literarisches Denkmal gesetzt.