Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Ignoranz hilft uns nicht

Vorarlberg / 23.05.2022 • 19:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Hauptsache, wir sind gesund und führen unser angenehm wohltemperiertes Leben. Dieses Bild von der sicheren westlichen Welt ist seit der Corona-Pandemie ja nicht mehr so zu halten. Und seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine, an dessen zermürbende Bilder sich viele nach drei Monaten gewöhnt haben – schon wieder ein emotionaler Appell des ukrainischen Präsidenten Selenskyi, schon wieder grauenvolle Berichte über Gewalttaten gegen die Bevölkerung, man fühlt sich hilflos und sucht zur Kompensation nach herzigen Katzenbildern in der Social-Media-Timeline. Und jetzt macht sich auf den Medienkanälen die nächste Bedrohung unserer Sicherheit breit: Monkeypox, die Affenpocken, verbreiten sich. Seit Montag gibt es einen ersten bestätigten Fall in Österreich.

Der Erreger der Krankheit wurde 1958 erstmals bei Affen in einem dänischen Labor nachgewiesen, beim Menschen erst 1970 entdeckt. Eine an sich seltene Viruserkrankung, die von Tieren – vermutlich vor allem von Nagetieren – auf Menschen übertragen wird. Übertragungen von Mensch zu Mensch sind selten, aber bei engem Körperkontakt möglich. Die Viruserkrankung tritt bisher hauptsächlich in West- und Zentralafrika auf, doch seit Anfang der Woche zählt die WHO mehr als 90 Fälle in Ländern, in denen die Affenpocken bisher nicht aufgetreten sind. Nun untersucht sie, ob das Virus seine Eigenschaften verändert hat oder wie es fast gleichzeitig in die verschiedenen Länder Europas und die USA kommen konnte.

Ebola, Zika, Covid-19

Vorsicht, Aufklärung und gute Nerven, all das brauchen wir jetzt. Kollektive Panikattacken und die täglichen Beschwörungen der Apokalypse auf den Social-Media-Plattformen, all das brauchen wir jetzt gar nicht. Die neuerliche Bedrohung durch eine Infektionskrankheit sei nach Ebola, Zika und Covid-19 nicht überraschend, schreibt der renommierte deutsche Wissenschaftsjournalist und Chemiker Lars Fischer auf Twitter.

Und er fordert, dass man künftig Gesundheit auch jenseits der medizinischen Versorgung mitdenken muss, also Strukturen zur Vorsorge schon im Bildungssystem miteinbauen sollte. Oder die Gesundheitsinformationen von Ländern permanent in einem bundesweiten System sammeln und analysieren sollte, um schnell auf Krisen reagieren zu können. Die Corona-Pandemie hat uns ja schon gezeigt, dass wir mehr Vernetzung und Wissen brauchen werden.

Die Affenpocken führen uns aber auch vor Augen, dass Ignoranz nicht hilft. Fachleute warnen seit Jahren vor der möglichen Entwicklung neuer Pandemien. Die Menschen in ärmeren Weltgegenden mögen sich alleine mit Seuchen herumschlagen, wir sitzen in unserer sauberen Welt – dieser alte Eurozentrismus funktioniert in der globalisierten Welt eben längst nicht mehr.

„Fachleute warnen seit Jahren vor der möglichen Entwicklung neuer Pandemien.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.