Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Gott ist schuld

Vorarlberg / 24.05.2022 • 18:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ein junger Mann wurde dem Gericht vorgeführt. Er hatte den Kopf gesenkt, den Blick auf den Boden gerichtet. Er war unter einer Parkbank betrunken aufgefunden worden, und weil er am Arm ein Hakenkreuz-Tattoo hatte, wurde er angezeigt.

„Ich bin unschuldig“, sagte er. „Das Tattoo ist uralt, das hat mir ein Freund gestochen, da war ich vierzehn. Ich hab ja gar nicht gewusst, was genau das Hakenkreuz bedeutet. Mein Freund hatte auch so eines, und da wollte ich es im gleichtun. Er kam gerade aus dem Gefängnis, und mit dem Tattoo haben wir unsere Freundschaft besiegelt. Sie können mich doch nicht dauernd auf dieses Tattoo anreden!“

„Ist Ihnen klar, was das Tattoo für eine Botschaft vermittelt?“, fragte der Richter.

„Das interessiert doch kein Schwein mehr“, sagte der Angeklagte. „Man hat mir geraten, das Tattoo zu übermalen.

Ich habe kein Geld, das ist teuer, und selber kann ich es nicht. Soll ich ein Pflaster draufkleben?“

„Sie sind vorbestraft, etliche Male, was soll ich mit Ihnen anfangen?“

„Ich habe alles im Gefängnis abgebüßt, und jetzt kommen Sie mir wieder mit dem Tattoo. Wenn Sie mir das Wegmachen zahlen, schon morgen ist es weg. Außerdem können Sie nicht wissen, was für ein Scheißleben ich habe. Ich wohne mit meinen siebenundzwanzig Jahren immer noch bei meiner Mutter und ihrem Lebensgefährten, dem Oberarschloch. Wollen Sie wissen, wo ich schlafe? Ich schlafe zwischen Waschmaschine und Herd auf dem Boden. Meine Decke ist ein Fetzen. Der Freund meiner Mutter lässt mich nicht in Frieden, muss immer an mir herumkommandieren.“

„Ich werde mich für Sie kundig machen“, sagte der Richter. „Wir finden garantiert einen Platz in einer Wohngemeinschaft für Sie. Sie müssten mir versprechen, nicht mehr auffällig zu werden.“

„Ich bin aber auffällig, weil ich so ausschaue wie ich ausschaue, keine ordentlichen Klamotten habe und mich nur kalt waschen kann. Waschen Sie sich doch einmal im Winter ihre Haare mit kaltem Wasser und einem Stück Seife, so groß wie mein Fingernagel. Meine Mutter gönnt mir kein Shampoon, die sperrt es weg.“

„Wenn Sie erst ausgezogen sind“, sagte der Richter, „wird alles gut werden. Es wird auch eine Arbeit für sie geben. Was haben Sie denn gelernt?“

„Ich habe nichts gelernt, ich bin nur in der Schule gesessen und hab gewartet bis sie aus ist. Ich bin ja blöd, kann nicht denken, gerade meinen Namen schreiben kann ich. Gott ist schuld!“

„Welches Handwerk gefällt Ihnen? Sie könnten eine Tischlerlehre machen.“

„Im Gefängnis habe ich schon mit Holz gearbeitet, das ist nicht schlecht und riecht gut. Einmal habe ich mir einen Nagel in den Daumen geschlagen. Aber das war Absicht.“

„Ich bin zuversichtlich“, sagte er Richter und nannte den Angeklagten beim Vornamen. „Wir werden etwas für Sie finden. Kopf hoch.“

„Sie sind vorbestraft, etliche Male, was soll ich mit Ihnen anfangen?“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.