Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Gekränkte Männer sind gefährlich

Vorarlberg / 30.05.2022 • 22:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das elfjährige Mädchen hat jetzt „Angst vor Männern“ und will nur mehr mit Frauen reden. Sie ist eine der Überlebenden des Schulmassakers im texanischen Uvalde, bei dem ein 18-Jähriger Attentäter vergangene Woche 19 Kinder und zwei Lehrerinnen erschossen hat. Der Schütze habe ihre Lehrerin vor ihren Augen ermordet und auf deren Kollegin und andere Schüler gezielt, erzählt das Mädchen einer CNN-Reporterin. Sie selbst wurde durch Splitter verletzt – und aus Angst, der Mann könnte noch einmal zurückkehren, beschmierte sich das Kind mit dem Blut eines erschossenen Mitschülers, um sich tot zu stellen.

Ein amerikanischer Albtraum. Am Tag danach setzt in den USA wieder die übliche Debatte rund um die Restriktionen bei Schusswaffen ein, die von der einflussreichen Waffenlobbyorganisation NRA (National Rifle Association) und republikanischen Politikern wohl wieder – wie nach allen Schulamokläufen – abgewürgt werden wird. „Als Nation müssen wir uns fragen, wann in Gottes Namen wir der Waffenlobby die Stirn bieten werden“, sagt US-Präsident Joe Biden. Gute Frage, Mr. President, wann genau werden Sie das tun? Der Attentäter war laut Berichten Einzelgänger, zunehmend aggressiv und offenbar verstrickt in innere Nöte, die er nicht lösen konnte, ein klassischer Fall.

Gewalt, Alkoholismus, Rechtsextremismus, Verschwörungsmythen, aber auch Verkehrstote oder Suizid: Überall herrscht statistisch ein klarer Männerüberhang. Sich von der Welt unverstanden zu fühlen, führt oft zu Kränkungen, die Menschen gefährlich machen können. Es ist das Bild einer toxischen Männlichkeit, die Männer prägen kann, also: immer hart sein, keine Gefühle zeigen, alles mit sich selbst ausmachen – und mit toxisch sind nicht die Männer, sondern ist das Paket von Normen und Vorstellungen gemeint, unter dem die Betroffenen, aber auch andere Menschen leiden. Frauen sind per se nicht die besseren Menschen, sondern anders sozialisiert: Die meisten wagen erst gar nicht so aufzutreten wie mancher Mann.

Ein anderes Problem, das vielen weiteren Schwierigkeiten zugrunde liegen kann, ist die Definition von Freiheit. Männer haben statistisch häufiger eine Vorstellung von Freiheit, die man in der Philosophie „negative Freiheit“ nennt: Freiheit heißt demnach, ich möchte frei von Zwang sein, der Staat soll mich in Ruhe lassen, ich möchte mir nicht gerne etwas sagen lassen. In einer pervertierten Form kann diese Auffassung von Freiheit am Ende zu dem führen, was wir jetzt wieder in den USA erleben: Waffenlobbyorganisationen fordern ihr Recht auf das Tragen einer Waffe. Und fehlgeleitete Männer nutzen diese Freiheit, um andere Menschen und sich selbst ins Verderben zu stürzen.

„Sich von der Welt unverstanden zu fühlen, führt oft zu Kränkungen, die Menschen gefährlich machen können.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.