Auf einem Bein durchs Leben

Vorarlberg / 16.06.2022 • 07:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Rudolf Dudek mit seiner Frau Rosmarie. 50 Jahre gehen die beiden schon gemeinsam durchs Leben. <span class="copyright">kum</span>
Rudolf Dudek mit seiner Frau Rosmarie. 50 Jahre gehen die beiden schon gemeinsam durchs Leben. kum

Rudolf Dudek war 13 Jahre alt, als er wegen einer Krebserkrankung ein Bein verlor.

Kennelbach Rudolf Dudek (heute 73) war noch keine 13 Jahre alt, als sein Leben auf der Kippe stand. Der Bub aus Kennelbach genoss gerade seine Ferien und hielt sich mit Schulkollegen an der Ach auf. „Es war lustig. Aber dann habe ich mir das Knie an einem Stein angeschlagen. Es tat sehr, sehr weh.“ Das Knie schwoll stark an, auch die Schmerzen ließen nicht nach. Deshalb ging seine Mutter mit ihm zum Gemeindearzt. Dieser diagnostizierte eine Prellung. Tage und Wochen vergingen, aber es trat keine Besserung ein. „Dann suchten wir einen anderen Doktor auf, einen Kinderarzt.“ Dessen Diagnose war niederschmetternd. „Er teilte uns mit, dass ich Krebs hatte und wir zwei Möglichkeiten haben: entweder den bösartigen Tumor herausoperieren, dann bestünde eine Überlebenschance von 50 Prozent. Oder das Bein amputieren, dann hätte ich eine Überlebenschance von 80 Prozent.“

“Mama weinte, als ich heimkam”

Rudolfs Eltern entschieden sich für die Amputation. „Mein Vater sagte zu mir: ,Mit einem Bein kannst du immer leben.‘“ Einige Tage nach Weihnachten wurde Rudolf operiert. Man nahm mir das Bein am Oberschenkel ab.“ Danach verbrachte der 13-Jährige drei Wochen in einem Erholungsheim. „Als ich aufstand, merkte ich, dass ich ohne Krücken nicht gehen kann.“ Aber der Bub fiel deswegen in kein Loch. Rudolf erklärt sich das heute so: „Als Kind hat man noch keine Sorgen und denkt auch nicht an die Zukunft.“ Seine Mutter weinte, als er heimkam. „Auch Papa war bedrückt.“ Seine Schulkameraden waren unkompliziert. „Sie nahmen mich an, wie ich war.“ Auf der Straße sahen ihm jetzt aber viele nach. „Fast jeder glotzte mich an. Am Anfang empfand ich das als sehr seltsam.“ Dennoch söhnte sich Rudolf mit seiner Behinderung schnell aus. „Ich nahm sie an. Denn es ist sinnlos, gegen etwas anzukämpfen, das man nicht ändern kann. Ich kann doch nicht jeden Morgen mit Gram aufstehen.“ Zugegeben, manchmal wachte er doch mit Traurigkeit auf, immer dann, wenn er nachts geträumt hatte, dass er über Wiesen rennt. „Dieser Traum von Rennen begleitet mich seit meiner Jugend.“

Rudolf Dudek als kleiner Bub. Mit 13 wurde ihm das rechte Bein abgenommen.
Rudolf Dudek als kleiner Bub. Mit 13 wurde ihm das rechte Bein abgenommen.

Wegen seines Handikaps konnte Rudolf seinen Traumberuf nicht ergreifen. „Ich wäre gerne Maler geworden, weil man in diesem Beruf sehr kreativ sein kann. Das tut mir heute noch leid, dass ich diesen Traum begraben musste.“ Sein Vater riet ihm zu einem Bürojob. Deshalb absolvierte Rudolf eine kaufmännische Lehre. Sein beruflicher Weg führte ihn in das internationale Transportunternehmen Gebrüder Weiss. „40 Jahre war ich dort in der Buchhaltung beschäftigt. Die Arbeit gefiel mir, sonst wäre ich nicht bis zur Pensionierung geblieben.“

Im Zug die Liebe seines Lebens kennengelernt

Der Blick zurück auf sein Leben erfüllt Rudolf mit Dankbarkeit. „Ich hatte ein schönes Leben. Es fehlte mir nie etwas“, sagt der Mann, der seit 60 Jahren auf einem Bein durchs Leben geht. Nicht nur beruflich, auch in Sachen Liebe meinte es das Leben gut mit ihm. Als er 23 Jahre alt war, lernte er im Zug Rosmarie kennen, seine zukünftige Ehefrau. „Wir waren sofort auf einer Wellenlänge“, erinnert sich diese. Der Krankenschwester entging nicht, dass Rudolf sich öfters ans Bein fasste. „Ich fragte ihn, ob er sich das Bein gebrochen hat. Da sagte er mir, dass er eine Beinprothese trägt.“ Rosmarie fand Rudolf deswegen nicht weniger sympathisch und weniger attraktiv. „Seine Behinderung hat mich nie gestört.“ Die beiden gründeten eine Familie. Die Söhne Patrick und Thomas komplettierten ihr Liebesglück. Seit 50 Jahren sind Rosmarie und Rudolf mittlerweile verheiratet. Und in all den Jahren seien nicht einmal die Fetzen geflogen, beteuern beide. „Hinhocken und reden. Man kann alles richten mit reden“, verrät Rudi sein Rezept für eheliches Glück. Rosmarie ergänzt: „Rudi ist die Ruhe selbst. Mit ihm kann man nicht streiten. Und ich mag auch keinen Streit.“

Als er jünger war, ging Rudolf Dudek auch Skifahren. Manchmal fuhr er sogar Rennen.
Als er jünger war, ging Rudolf Dudek auch Skifahren. Manchmal fuhr er sogar Rennen.

Rudolf widmete der Familie und dem Beruf viel Zeit. Aber auch dem Sport gehörte seine Leidenschaft. „Der Versehrtensport war mir immer eine Quelle der Freude.“ 30 Jahre lang spielte der gehandicapte Mann mit Enthusiasmus Sitzball für den Versehrtensportverein. „Das brachte mir viel.“ Rudolf schätzte nicht nur die körperliche Bewegung, sondern auch den Austausch mit den Sportkameraden. Heute geht er es ruhiger an und genießt mit seiner Frau den Herbst des Lebens. Am liebsten würde der 73-Jährige ewig leben, so sehr liebt er das Leben. Rudolf ist froh, dass sich seine Eltern damals für eine Amputation entschieden. “Denn womöglich überlebte ich nur durch sie.”

Rudulf Dudek spielte 30 Jahre lang mit Begeisterung Sitzball.
Rudulf Dudek spielte 30 Jahre lang mit Begeisterung Sitzball.