Nach Unfall und Amputation: „Man sollte aus dem, was ist, das Beste machen.“

Vorarlberg / 23.06.2022 • 13:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Johanna Unterrainer lebt in Wien. Die 23-Jährige möchte sich zur Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Amputation ausbilden lassen.
Johanna Unterrainer lebt in Wien. Die 23-Jährige möchte sich zur Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Amputation ausbilden lassen.

Johanna Unterrainer (23) überlebte nur knapp einen Verkehrsunfall. Die Ärzte mussten der Frastanzerin ein Bein amputieren.

Frastanz/Amerlügen Um ein Haar wäre sie am 10. Juli 2021 auf der Autobahn bei Amstetten verblutet. Ihre Hauptschlagader am Oberschenkel war gerissen. Aber Johanna Unterrainer (23) bekam eine zweite Chance. Die Ersthelfer am Unfallort machten alles richtig, schnürten der jungen Frau aus Frastanz mit einem Gürtel das stark blutende Bein ab. Der Notarzt, der mit dem Rettungshubschrauber gekommen war, schaffte es, das Unfallopfer zu stabilisieren. „Man sagte mir, dass er eine Dreiviertelstunde lang um mich kämpfte.“

Johanna hat keine Erinnerungen an den Verkehrsunfall. Nur so viel weiß sie noch: Dass sie mit ihrer Mutter und ihrem Freund Philemon nach Wien unterwegs war – mit einem Kleintransporter. „Mein Freund und ich zogen nach Wien und führten deshalb Möbel mit.“ Aber was war passiert? Der kleine Lkw war auf einen Sattelschlepper aufgefahren. Alle drei Insassen wurden bei dem Unfall verletzt, am ärgsten erwischte es Johanna. Deren Leben stand auf der Kippe. Die Ärzte mussten ihr das rechte Bein oberhalb des Knies abnehmen. Auch am Kopf erlitt die Vorarlbergerin schwere Verletzungen. „Man musste mich in künstlichen Tiefschlaf versetzen.“

Bittere Tränen

Vier Wochen lang wurde sie auf der Intensivstation betreut. „Als ich nach einigen Tagen aus dem Koma erwachte, standen meine Mama, meine Schwester und ein Arzt an meinem Bett. Der Doktor sagte mir, dass ich einen Unfall gehabt hätte und dass man mein Bein amputieren hätte müssen.“ Erst einige Tage später begriff sie, dass das Bein weg ist. Da musste sie bitterlich weinen. „Ich fand es einfach nur gemein. Ich fragte mich, warum mir das passiert war. Ich hatte doch nie etwas Schlimmes angestellt. Ich dachte mir: ,Du brauchst zwei gesunde Beine. Du gehst doch so gerne klettern und wandern´.”

Die ersten paar Wochen im Spital waren für Johanna sehr schlimm. Ans Bett gefesselt hatte sie viel Zeit zum Nachdenken. „In schlaflosen Nächten beschäftigte mich die Warum-Frage. Ich erkannte dann aber, dass es sinnlos ist nach dem Warum zu fragen. Denn du bekommst keine Antwort auf diese Frage. Es ist einfach so wie es ist.“ Noch später dämmerte ihr die Erkenntnis, dass man die Dinge nicht zu sehr hinterfragen, sondern sie vielmehr akzeptieren sollte. „Man sollte aus dem, was ist, das Beste machen.“ Aber mit der Akzeptanz ist das so eine Sache. Denn die stellt sich im seltensten Fall gleich ein. „Ein Satz des Primararztes tröstete mich. Er sagte zu mir: ,Objektiv betrachtet hast du nur einen Fuß verloren. Du kannst wieder alles machen, auch wandern´.“

Johanna lacht wieder.  Die junge Frau söhnte sich mit ihrem Schicksal aus.
Johanna lacht wieder. Die junge Frau söhnte sich mit ihrem Schicksal aus.

Nach acht Wochen hatte Johanna ihr Schicksal angenommen. Bis dahin weinte sie viel, auch weil sie Phantomschmerzen plagten. „Die kamen sofort.“  Im Kopf, so sagt sie, sei ihr Bein noch da. „Ich habe ständig das Gefühl, dass es da ist. Aber wenn ich es bewegen will, dann ist es nicht da.“ Die Phantomschmerzen begleiten sie bis heute. „Sie kommen abends wie auf Knopfdruck und erschweren mir das Einschlafen.“ Nachdem sie in ihr Schicksal eingewilligt hatte, machte die junge Frau schnell Fortschritte. In einer Reha-Klinik lernte sie wieder gehen. „Die Reha tat mir gut, auch weil ich Menschen mit einem ähnlichen Schicksal kennenlernte. Die gute Betreuung hat mich seelisch gestärkt.“

“Ich bin heute glücklicher als vor dem Unfall. Ich genieße jetzt alles viel mehr.”

Johanna Unterrainer, Unfallopfer

Heute, knapp ein Jahr nach dem verhängnisvollen Verkehrsunfall, kann Johanna diesem sogar Positives abgewinnen. „Ich lernte dadurch viele neue, offene Menschen kennen, mit denen ich lachen konnte.“ Ihr Lachen kam schnell zurück. Überhaupt hat Johanna das Gefühl, „dass ich heute glücklicher bin als vor dem Unfall. Ich genieße jetzt alles viel mehr“. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch Tage gibt, „an denen ich einfach nur traurig bin“. Dann trauert Johanna um ihr verlorenes Bein. „Anfangs tat ich mir schwer mit der Trauer. Ich wollte ihr keinen Platz in meinem Leben geben. Aber dann erkannte ich, dass man seine Gefühle zulassen muss.“

Mit 23 hat Johanna noch das ganze Leben vor sich. Die junge Frastanzerin weiß mittlerweile, dass das Leben manchmal Pläne über den Haufen wirft. Dennoch hat sie für die nahe Zukunft Pläne geschmiedet. „Vor dem Unfall wollte ich Architektur studieren. Davon bin ich abgekommen. Jetzt möchte ich an der Fachhochschule Wien eine Ausbildung zur Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Amputation machen.“ Außerdem will sie nun endlich wieder öfters bei Philemon in der gemeinsamen Wohnung in Wien sein. Johanna war sich nicht sicher, ob die Beziehung dem Schicksalsschlag standhalten würde. „Ich fragte Philemon, ob er mich immer noch zur Freundin haben will. Da sagte er zu mir: ,Ich habe mich in dich verliebt, nicht in deinen Fuß.‘ Da wusste ich, dass sich an unserer Beziehung nichts geändert hat.“