Das Herz aller Dinge

Vorarlberg / 24.06.2022 • 14:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Herz aller Dinge

„Immer sind es die Menschen, du weißt es, ihr Herz ist ein kleiner Stern, der die Erde beleuchtet.“ (Rose Ausländer). Das Herz ist nach unserer Vorstellung und Erfahrung der Ort unserer Gefühle, der Ort der Liebe, die Mitte unseres Ichs, des Leibes und der Seele. Und keine Frage: Aus dem Herzen der Menschen kommt viel Gutes, wenn er Hoffnungslichter anzündet, Sterne der Liebe und Herzlichkeit aufleuchten lässt. Wir kennen ja den Satz von St. Exupery: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Aber, so muss man ergänzen, aus dem Inneren können auch böse Gedanken, Rachepläne, Lieblosigkeiten, Grausamkeiten aufsteigen. Der Krieg in der Ukraine fließt nicht nur aus den Köpfen von Machthabern, sondern aus den verkümmerten und verhärteten Herzen, aus Machtstreben und Gefühllosigkeit.

Hinter allem

Wir haben gestern in der Kirche das Herz-Jesu-Fest gefeiert als nachgeholten Karfreitag.

Leider haben die verkitschten Herz-Jesu-Bilder die Botschaft dieses Festes zum Teil verdeckt, nämlich, dass Gott ein Herz hat für uns Menschen.Für mich ist der einzige Grund für das 13,8 Milliarden Jahre alte Universum, für die Existenz unserer Erde und von uns Menschen, dass jemand, den wir Gott nennen, pulsierende Liebe ist, unvorstellbare Liebesenergie, die in Jesus dann anschaulich und greifbar wird.

Ich möchte ein Gedicht von Erich Fried abwandeln: „Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Gott, schau doch diese Welt und alle Grausamkeiten an. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Es ist Unglück, sagt die Berechnung. So viele Menschen leiden. Die paar Glücksstunden heben das Schmerzliche nicht auf. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. So vieles ist aussichtslos, macht Angst, lässt uns fragen und verstummen. Es ist, was es ist sagt die Liebe. Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung. Es ist, was es ist, sagt die Liebe!“ Und die braucht den Raum der Freiheit mit allem Risiko. Der liebende Gott ist für mich die einzig annehmbare Erklärung und Begründung für alles, was existiert. Gottes Sehnsucht ist der Mensch. Darum erzählt Jesus die „Suchgeschichten“. Gott sucht uns wie der Hirte das davongelaufene Schaf, wie der Vater den zornigen älteren Sohn, der nicht mitfeiern will und draußen bleibt, oder wie die Frau das verlorene Geldstück.

Und der Zielpunkt von allem

Der Jesuit Teilhard de Chardin hat die Bibel und wissenschaftliche Forschung über die Entstehung der Welt zusammengebracht. Er erkannte, dass das Leben auf dieser Welt sich in Milliarden Jahren zu immer höheren Formen entwickelt hat: Aus den Pflanzen erwuchsen die Tiere, aus denen dann die Menschen. Das ist kein Gegensatz zum Schöpfungsbericht, der besagt, dass alles Leben letztlich von Gott stammt. Ja, und dann kam vor 300.000 Jahren der homo sapiens, der vernunftbegabte Mensch. In welche Richtung entwickelt sich nun der Mensch? Mit unserem Geist können wir die Endlichkeit übersteigen und nach dem Unendlichen fragen. Chardin meint, dass in Christus die Entwicklung schon ans Ende gelangt ist. Er ist der Punkt Omega, die Verbindung von Mensch und Gott. Ein faszinierender Gedanke. Manchmal fragen mich Leute: „Wie ist das mit dem Sterben?“ Meine Antwort: „Ich weiß es nicht, denn ich bin ja auch noch nicht gestorben. Aber ich stelle mir vor, dass wir dann eintauchen in einen gewaltigen Strom der Liebe, in dem das Antlitz Gottes und die Gesichter unserer Verstorbenen, vielleicht auch ihr Lächeln aufleuchten.“

Der Herzschlag Gottes

Ist das nicht ein schöner Gedanke, dass wir in allen Formen von Liebe der Resonanzkörper sind für die Liebe Gottes? In jeder Herzlichkeit, wenn wir mit dem Herzen sehen und hören und handeln, klingt der Pulsschlag Gottes durch. Das Herz-Jesu-Fest erinnert uns daran, dass die Liebe zwar ihren Preis hat, nämlich sich herzugeben, aber dass einzig die Liebe Leben ermöglicht. Ich könnte noch so viel tun und leisten und erreichen, hätte ich aber die Liebe nicht, würde alles nicht zählen. So schreibt Paulus (1Kor 13).

Das Liebeslied Gottes hat zwei Strophen: „Erstens: Du bist von mir geliebt, unbedingt und ohne Vorleistung! Und zweitens: Ich brauche dich, damit durch dich meine Liebe zum Durchbruch kommt und mein Herzschlag hörbar wird!“

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