Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Auf ins neue Biedermeier

Vorarlberg / 27.06.2022 • 20:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wie furchtbar die Welt geworden ist. Und wie schnell es ging, ich bin permanent überrascht. Plötzlich war Krieg. Plötzlich verloren die Frauen in Amerika ihre Entscheidungsfreiheit. Plötzlich ist alles so teuer, dass viele nicht mehr wissen, wie sie das noch schaffen sollen. Okay, die Klima­krise kam nicht plötzlich. Aber ich muss sagen, noch nie habe ich so pessimistisch in die Zukunft geschaut.

Die Kinder tun mir leid. Als ich sie damals in die Welt setzte, war mir nicht klar, wie sie in zwanzig Jahren aussehen würde. Vieles lief schief, aber irgendwie glaube ich mich an ein Gefühl von Optimismus erinnern zu können, dass wir schon noch die Kurve kriegen, dass sich noch alles zum Besseren wendet.

Dass das Leben sicherer wird und wir gesünder und klüger, dass wir mit unserem Willen und unserer Technologie Umwelt und Klima retten werden. Der Kalte Krieg war vorbei, die Obamas zogen ins Weiße Haus, und eine Zeitlang sah sogar so aus, als ginge es der Ozonschicht besser. Von der Ozonschicht redet keiner mehr, wir reden von der Fläche der abgeholzten Regenwälder, die täglich größer wird, trotz allem was wir sehen und wissen. Wir reden auch von der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in den USA, der das Recht der Frauen auf Schwangerschaftsabbruch kippte. Eine Entscheidung, bei der es natürlich viel weniger um den Schutz von Leben geht, als um die Unterdrückung der Frauen: deren Gesundheit und Leben man bewusst aufs Spiel setzt, denen man damit ihren Platz in der Welt zuweist, und der ist nicht am Tisch der Männer.

Noch nie wollte ich mich mehr zurückziehen von der Welt. Hoffnung ist schwierig in diesen Tagen. Man holt sie sich im Kleinen, ganz Biedermeier. In der Freude darüber, wenn die eigenen oder andere Kinder etwas geschafft haben, für das sie sich lange anstrengten. Das Blühen von Gertrude Jekyll, Kiss me Kate, der Rose de Resht, und der wuchernden Pracht der Ghislaine de Feligonde. Man freut sich, dass der Hund einmal nicht gebellt hat, als ein anderer vorbeiging. Dass die Schwester schon im Zug nach Wien sitzt. Dass man ein sicheres Zuhause hat.

Man will einfach nur noch den Tomaten beim Wachsen zusehen, aber tja, das ist die nächste schlechte Nachricht, heuer hab ich keine, weil ich mich in diesem ganzen Umzugschaos nicht rechtzeitig um Setzlinge kümmerte. Mein Nachbar hat mir dann seine vier übriggebliebenen geschenkt, magere Pflänzle, von denen drei am zweiten Tag den Schnecken zum Opfer fielen. Das vierte hat überlebt und ich kann vielleicht im November die ersten Tomaten pflücken. Es stimmt nicht, dass es keine Hoffnung gibt, es gibt immer eine.

„Aber ich muss sagen, noch nie habe ich so pessimistisch in die Zukunft geschaut.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.