Hass im Netz

Vorarlberg / 27.06.2022 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Hass im Netz

Der Krankenstand von Markus Wallner hat in den Medienkommentaren quer durch Österreich erstaunlich viel Verständnis erfahren, Tenor: Auch ein Politiker hat das Recht, krank zu sein, die Aufarbeitung der gegen Wallner gerichteten Vorwürfe kann später erfolgen. In den sozialen Foren zeigt sich ein völlig anderes Bild. Einige Auszüge aus VOL.at (wörtliche Wiedergabe): „Politiker entweder korrupt, Arschlöcher und/oder Lügner.“ Oder: “Mein Mitleid hält sich in Grenzen, zumal diese Politikerbrut auch auf die Gesundheit der Bevölkerung sch..st. Soll sie doch der Blitz beim Sch…treffen.“. „Andere gehen in U-Haft, ein ÖVP-ler höchstens in den Krankenstand.“ Zu den Androhungen von Gewalt gegen die Minister Anschober und Mückstein oder Landeshauptleute wie Platter oder Wallner, aber auch gegen andere Mitglieder unserer Landesregierung, ist der Weg dann nicht mehr weit. Noch mehr hasserfüllte Kommentare hat die Redaktion von VOL.at gelöscht. Nun ist der Hass im Netz nichts Neues. Erinnern wir uns an die Postings zu Flüchtlingen oder von militanten Impfgegnern, befeuert durch rechtsextreme Politiker. Aber unverkennbar wird die Sprache unter dem Schutz der Anonymität (nur dem Anbieter sind die echten Namen bekannt) immer radikaler.

Hasspräventive Maßnahmen sollten sich vermehrt auf Internetforen beziehen, durch Förderung von Medien- und Sozialkompetenz.

„In der Ablehnung von Hass und Hetze sind sich alle einig. Aber selten wird gefragt, was Hass eigentlich für ein Gefühl ist, aus welchen Quellen es sich speist.“ Schreibt der wissenschaftliche Leiter des nächsten Philosophicums Lech, Konrad Paul Liessmann. Das neueste Buch von Reinhard Haller („Die dunkle Leidenschaft – Hass“, Verlag Gräfe und Unzer) versucht Antworten. Haller verschweigt nicht, dass der Hass, der ausschließlich auf Erniedrigung und Vernichtung ausgerichtet ist, nur ein Stück weit erklärt werden kann. Hass übertöne alle anderen Gefühle und sogar das vernünftige Denken und sei die primitivste aller Emotionen. Haller: „In der überwiegenden Mehrzahl tritt der Hass als Reaktion auf, er resultiert also aus Benachteiligungen, Kränkungen, Neid oder Eifersucht. Er ist eine grundsätzlich feindselige, in der Persönlichkeitsstruktur verankerte Haltung eines Menschen gegenüber der Außenwelt und sich selbst.“ Was tun gegen den Hass im Netz? Haller verweist auf in mehreren Staaten bestehende Gesetze, mit denen schwerwiegenden Verletzungen von Persönlichkeitsrechten begegnet werden soll: „Unzweifelhaft ist es erforderlich, im Netz keinen rechtsfreien Raum zuzulassen, in welchem ganz nach Belieben geärgert, gedemütigt, entwürdigt und gehasst werden kann.“ Er fragt sich aber auch, ob die rein virtuelle Art des Aggressionsabbaus noch das geringere Übel gegenüber der tätlichen Gewalt sei, bei der Blut fließt.

Unter Hallers „acht Schritten gegen ein gesellschaftliches Klima des Hasses“ findet sich das Entschärfen der Radikalsprache, „die ähnlich primitiv zu sehen ist wie der Hass selbst“. Hasspräventive Maßnahmen sollten sich vermehrt auf Internet-Foren beziehen, durch Förderung von Medien- und Sozialkompetenz. Es sei zu vermitteln, dass auch im Internet persönliche Grenzen respektiert und die Zivilcourage gestärkt werden kann. Immerhin: Zu den erwähnten Postings gegen Wallner finden sich einige, die sich dagegen zur Wehr setzen. Einen Haller-Satz möchte ich Ihnen besonders ans Herz legen: „Über unsere Gesellschaft hat sich eine seltsame Wertschätzungsblockade gelegt. Mit den Grundprinzipien der Wertschätzung könnte man den wirksamsten Wall gegen gesellschaftlichen Hass aufbauen: durch Achtsamkeit in der zwischenmenschlichen Begegnung, durch Toleranz gegenüber der Meinung Andersdenkender, durch Respekt gegenüber der Individualität der Menschen sowie durch Weiterentwicklung der konstruktiven Kritik.“