Malträtierte Frau möchte Sängerin werden

Vorarlberg / 27.06.2022 • 19:31 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Alisa ist fasziniert von den herrlichen Sonnenuntergängen am Bodensee. „Er ist jeden Tag anders und immer wieder wunderschön.“
Alisa ist fasziniert von den herrlichen Sonnenuntergängen am Bodensee. „Er ist jeden Tag anders und immer wieder wunderschön.“

„Jede schlimme Erfahrung ist in meiner Stimme“, sagt Alisa, die eine traumatische Kindheit hatte.

Schwarzach Damit hatten sie nicht gerechnet, ihre Freunde vom Hauskreis. Alisa (Name geändert) schmetterte die Arie O Sole Mio so gekonnt und kraftvoll in den Raum, dass ihnen vor Staunen der Mund offen stehen blieb. Alisa sang schon als Mädchen gerne und hegt seither den Wunsch, Sängerin zu werden. „Als Kind habe ich mir den Schmerz von der Seele gesungen. Das ganze Unglück, das mir widerfuhr, habe ich hinausgesungen. Das war befreiend. Deshalb war mir das Singen immer ein Trost.“ Die 33-Jährige wurde in ein unheilvolles Umfeld hineingeboren. Ihr Vater – ehemals selbst ein Opfer von Gewalt – verprügelte sie immer wieder. „Er hat mich bis zu meinem 17. Lebensjahr geschlagen.“ Ihr Zuhause war kein sicherer Ort. „Ich kämpfte ums nackte Überleben.“

In den Schlaf geweint

Auch in der Schule erfuhr das misshandelte Mädchen Ablehnung. „Ich wurde von meinen Mitschülern gemobbt. Weil ich eingeschüchtert war, nicht zu mir stand und mich wertlos fühlte, wurde ich zum Prügelknaben.“ Als Kind wollte Alisa ganz oft sterben. „Abends im Bett dachte ich mir: ,Warum muss ich das alles erleben, warum hört es nicht auf?“ Das Mädchen wurde nicht nur körperlich misshandelt, sondern auch sexuell missbraucht. Ein Nachbar vergriff sich mehrere Jahre an dem Kind. „Vor einigen Jahren kamen die Erinnerungen zurück. Bis dahin hatte ich es verdrängt.“ Alisas bester Freund in Kindertagen war eine Katze. „Sie schlief jede Nacht bei mir. Wenn ich mich in den Schlaf weinte, kuschelte sie sich ganz fest an mich.“

Die Gewalt, der das Kind ausgesetzt war, blieb nicht ohne Folgen. „Ich war zehn, als es mit den Bauchschmerzen begann. Die plagen mich heute noch.“ Auch die Erstickungsanfälle begannen in dieser Zeit. „Im Turnunterricht nahm es mir auf einmal die Luft zum Atmen.“ Die Panikattacken kamen später, Jahre später. „Bei mir wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.“ Alisa hat ihre traumatische Kindheit überlebt. Aber die tiefen Wunden auf ihrer Seele müssen noch heilen. Deshalb nimmt sie seit einigen Jahren psychologische Hilfe in Anspruch.

Auch das Singen war immer eine Art Therapie für Alisa, die eine Musikhauptschule besuchte. Eine Lehrerin ermutigte sie, bei den Festspielen vorzusingen. Ihre Stimme überzeugte derart, dass die 13-Jährige im Festspiel-Kinderchor aufgenommen wurde und zwei Sommer lang auf der Seebühne singen durfte. „Da war ich zum ersten Mal jemand.“ Auch die Mitarbeit bei Jugendprojekten und -vereinen tat dem Selbstbewusstsein des Teenagers gut.

Aber Alisas Seele war wund. Trotzdem schaffte sie die Matura. Auch ein Studium absolvierte sie erfolgreich. Danach zog die junge Frau in eine Großstadt. „Ich wollte die Vergangenheit hinter mir lassen, den Schmerz und das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt und großes Unheil in mir ist. Ich wollte nicht mehr Alisa sein und in der Stadt ein neuer Mensch werden, einer mit einer anderen Vergangenheit. Mir war nicht klar, dass man sich selbst überall hin mitnimmt.“

Alisa wurde zum Workaholic. „Ich ließ mich ausnutzen, war überfordert. Ich erkannte jedoch nicht, dass ich ständig über meine Grenzen ging. Aber wie sollte ich auch, wo andere doch die ganze Zeit meine Grenzen überschritten hatten.“ Es kam, wie es kommen musste. Alisa brach – einmal mehr – zusammen. „Ich beschloss, meiner Seele so viel Zeit zu geben, bis es zu keinem Zusammenbruch mehr kommt.“ Sie nahm sich eine Auszeit und reiste für einige Zeit ins Ausland. Als sie auf einer Parkbank in einer großen Stadt saß, überkam sie plötzlich ein unbeschreibliches Glücksgefühl. „Leider verflog es wieder. Da dachte ich mir: ,Du musst nach diesem Gefühl suchen, bis du es wieder gefunden hast, und dann schauen, dass es bei dir bleibt.‘“ Das war der Startschuss für ihre Suche nach Glück.

Zunächst öffnete sie sich für die unsichtbare Welt. „Vielleicht gibt es doch mehr als ich sehe.“ Später wandte sie sich dem Buddhismus und dem Hinduismus zu. „Ich wollte nicht mehr nur überleben. Ich wollte leben, die Leichtigkeit des Seins erleben.“ Erleuchtung war jetzt ihr Ziel. Doch das Leben warf ihren Plan, in einen Ashram nach Indien zu gehen, über den Haufen. Alisa wurde krank. Heftige Schmerzen plagten sie. „Ich wollte nicht mehr kämpfen, gab mich auf. Ich war fertig mit der Welt und wollte nur noch sterben.“ Im Moment der größten Verzweiflung wandte sie sich Gott zu: „Ich schrie: ,Wenn es dich gibt, dann bitte jetzt.‘“ Am Ende ihrer Kräfte übergab sie sich dem Allmächtigen: „Ohne dich, Herr, schaffe ich es nicht. Ich übergebe dir mein ganzes Leben.“

Mit Gott kam Sinn in ihr Leben

Das war der Beginn ihrer Freundschaft mit Gott bzw. Jesus. „Ich kaufte mir eine Bibel und las darin jeden Tag.“ Inzwischen hat sich ihre Beziehung zu Gott vertieft. „Jesus ist mein ständiger, liebevoller Begleiter, mein Helfer in der Not, mein Therapeut, mein Arzt.“ Gott, so hat Alisa festgestellt, heilt auf seine Weise. „Er zeigte mir, dass man sich dem Schmerz stellen muss und durch ihn hindurchgehen muss. Das ist der beste Heilungsweg.“ Erst mit Gott kam Sinn in ihr Leben. „Durch ihn macht alles Sinn.“ Heute sieht die leidgeprüfte Frau keinen einzigen Moment ihres Lebens mehr als sinnlos an, selbst die dunkelsten nicht. „Jede schlimme Erfahrung, die ich erlebt habe, ist in meiner Stimme.“ Die hübsche junge Frau träumt von einer Karriere als Sängerin. „Ich möchte auf der ganzen Welt zur Ehre Gottes singen und meine Stimme für ihn einsetzen.“ Wie in allem vertraut sie auch diesbezüglich Gott. „Wenn das sein Plan ist, wird es geschehen. Ich bin bereit für alles, was kommt.“

„Ich möchte auf der ganzen Welt zur Ehre Gottes singen und die Menschen berühren.“