Polaschek will keine Systemdiskussion

Vorarlberg / 27.06.2022 • 20:05 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Auch bei VorarlbergLIVE erörterte Polaschek seine Positionen.
Auch bei VorarlbergLIVE erörterte Polaschek seine Positionen.

Absage des Ministers an eine Gemeinsame Schule. Größte Herausforderung sei Lehrermangel.

SCHWARZACH Bildungsminister Martin Polaschek bleibt auf Faßmann-Linie. Er möchte Schulen mit Individualförderung ohne Änderung des Grundsystems. Mit seinem ersten Jahr als Unterrichtsminister ist er zufrieden, auf mögliche Corona-Wellen sei man an den Schulen vorbereitet. Maßnahmen gegen den Lehrermangel würden ergriffen. Gesucht werden vor allem Quereinsteiger. Zwingend ändern müsse sich das Bild des Lehrers.

 

Welches Gesamtresümee ziehen Sie nach Ihrem ersten Schuljahr als Bildungsminister?

Polaschek Ich würde sagen, das Schuljahr ist sehr gut gelaufen. Wir hatten ja nicht wenige Herausforderungen. Mit Corona, mit den mittlerweile 11.000 ukrainischen Schülerinnen und Schülern, die zu uns gekommen sind. Die Lehrerinnen und Lehrer haben großartige Arbeit geleistet. Und ich denke, wir haben das Schuljahr sehr gut über die Bühne gebracht.

 

Welche Note würden Sie sich für Ihre Performance im ersten Dienstjahr geben?

Polaschek Ich würde mir ein Gut geben. Wir haben sehr viel weitergebracht in den verschiedensten Bereichen. Sei es im universitären Bereich mit den Leistungsvereinbarungen, wo jetzt über 12 Milliarden Euro an die Universitäten fließen, sei es mit der Zusammenlegung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik und der geologischen Bundesanstalt in eine eigene schlagkräftige Institution. Dazu zählen auch einige Neuerungen im Schulbereich mit der gesetzlichen Verankerung der semestrierten Oberstufe, die jetzt auch in die Schulautonomie übertragen wird, sodass die Schulen Gestaltungsfreiheit erhalten. Die neuen Lehrpläne für die Primarstufe und Sekundarstufe werden demnächst in Begutachtung gehen.

 

Ist es nicht ein Manko, dass Vorarlberg keine eigene Universität hat?

Polaschek Ich denke, dass Vorarlberg mit seinen Bildungseinrichtungen gut aufgestellt ist. Es gibt ein tolles Angebot hier. Und das, was an wissenschaftlicher Exzellenz hier vorhanden ist, ist gut aufgestellt. Das passt sehr gut so. Rund um den Bodensee werden Bildungsinstitutionen noch mehr zusammenarbeiten.

 

Wie gut sind die Schulen im Herbst auf die Pandemie eingestellt?

Polaschek Wir wissen nicht, was uns erwartet, aber wir sind auf alle Fälle gut vorbereitet. Mir ist ganz wichtig, dass die Schulen in eine Gesamtstrategie des Bundes eingebettet sind. Wir sind in sehr engem Austausch mit dem Gesundheitsministerium. Dieses wird in den kommenden Wochen eine Gesamtstrategie festlegen. Wir haben von unserer Seite alle Vorbereitungen getroffen. Die Tests stehen zur Verfügung. Eine Woche vor Schulbeginn werden alle Schulen entsprechend informiert. Es können sich alle gut und rechtzeitig auf die Situation einstellen.

 

Bleiben die Schulen dieses Jahr verlässlich offen?

Polaschek Offene Schulen sind ganz wichtig. Die Kinder haben unter dem Lockdown ganz besonders gelitten. Offene Schulen haben für mich absolute Priorität.

 

Es herrscht Lehrermangel. In Vorarlberg ganz besonders. Wie sehr ist Ihnen das bewusst, und wie kann man wieder mehr Menschen zum Lehrberuf bringen?

Polaschek Der Lehrermangel war eine meiner ersten Aktivitäten. Ich bin seit Monaten im intensivsten Austausch mit Stakeholdern, mit Personen in den Bildungsverwaltungen, mit den Bildungsreferentinnen und -referenten in den Bundesländern, mit den pädagogischen Hochschulen. Als erste Maßnahme ist es mir gelungen, ein Modell für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger zu erarbeiten. Da fehlt es jetzt nur noch an der gesetzlichen Absicherung im Dienstrecht. Das wird noch vor dem Sommer im Nationalrat beschlossen. Wir werden uns anschauen, an welchen Schrauben wir noch drehen können. Wir brauchen grundsätzlich ein anderes LehrerInnenbild. Wir haben auch bereits Maßnahmen zur administrativen Entlastung gesetzt.

 

Die Sommerschule naht. Sie scheint ein Erfolgsprojekt. Wo muss da noch nachjustiert werden, wo funktioniert sie gut?

Polaschek Für die Sommerschule wurden jetzt die gesetzlichen Grundlagen geschaffen, damit LehrerInnen und Studierende die entsprechende Abgeltung erhalten. Die Sommerschule wird sich noch weiter etablieren, weil sie Kindern mit Förder- und Vertiefungsbedarf hilft. Wir werden das laufend evaluieren. Aber die Sommerschule ist auf alle Fälle ein Erfolgsprojekt.

 

Wie sieht es mit der Gemeinsamen Schule aus, die in einem Vorarlberger Forschungsprojekt erarbeitet wurde. Ist das ein totes Pferd?

Polaschek Ich denke, wir haben mit unserem System, das auf Individualisierung geht, ein sehr gutes System. Wir müssen eher darauf schauen, dass wir auf die jeweilige Schule und die jeweilige Region bezogen das beste Angebot schaffen. Das bedeutet ein vielfältiges Angebot. Wir arbeiten an verschiedenen Modellen. Wir schauen uns an, wo wir ein spezifisches Angebot legen können, sei es durch MINT-Schulen, sei es durch Profilbildungen in AHS und BHS. Das, was wichtig ist, ist, dass wir die Ganztagsbetreuung neu anbieten können. Das wurde durch den Bund-Länder-Vertrag geschafft, der kürzlich in Bregenz unter den Landeshauptleuten vertraglich fixiert wurde. Wir haben derzeit ein Projekt mit 100 Schulen laufen, bei dem wir schauen, wo wir punktuell Verbesserungen erreichen können, um noch gezielter den Förderbedarf für Kinder zu eruieren. Wir brauchen keine großangelegte Grundsatzdiskussion zu führen, wir sollten an den Schräubchen drehen, an denen wir drehen können, und uns Schritt für Schritt in die gute Richtung vorwärts bewegen.

 

Aber gibt es nicht auch die Möglichkeit, den Notendruck in Volksschulen mit Kindern, die ins Gymnasium wollen, herauszunehmen?

Polaschek Das liegt an Erwartungshaltungen, die irgendwo bestehen. Es geht nicht unbedingt um einen Schulbereich, in den alle hineinwollen. Man muss sich fragen: Warum will man das? Es gibt doch ein breites Angebot, das allen Kindern entspricht. Wegen der Durchlässigkeit des Systems bedeutet das ja nicht, dass man, wenn man in eine Mittelschule geht, nicht nachher auch in eine Oberstufe gehen kann. Wir sollten vermitteln, dass es keine Wertigkeit zwischen den einzelnen Schultypen gibt. Es ist der falsche Zugang, zu vermitteln, dass es eine bessere und eine schlechtere Schule gibt. Es geht um das, was in den Schulen gemacht wird, um die Profilbildung der Schulen. Wir haben ja auch jetzt durch die einheitliche Lehrerausbildung überall die gleich qualifizierten Lehrer. Die Diskussion über die Gemeinsame Schule hat sich erübrigt. Diese Grundsatzdiskussionen bringen uns nicht weiter.

 

Bleibt es bei der Ziffernnote ab der zweiten Klasse Volksschule, oder wird die von Ihrem Vorgänger Faßmann angeordnete Maßnahme zugunsten einer verbalen Beurteilung wieder rückgängig gemacht?

Polaschek Es hat gute Gründe gegeben, das System mit der Ziffernnote wieder einzuführen. Wir sollten aufhören, ständig etwas einzuführen und dann wieder zu ändern. Wir machen da jetzt genauso weiter. Es ist von allen Seiten gut angenommen worden. Wir bleiben jetzt bei dieser Regelung. VN-HK, Rie

Minister Martin Polaschek war mit Schullandesrätin Barbara Schöbi-Fink in der VN-Redaktion. VN/Paulitsch
Minister Martin Polaschek war mit Schullandesrätin Barbara Schöbi-Fink in der VN-Redaktion. VN/Paulitsch