Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

ORF und Föderalismus

Vorarlberg / 10.07.2022 • 18:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der ORF und der Föderalismus haben Grund zum Feiern. Vor 50 Jahren erhielten mit Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg die letzten Bundesländer eigene Funkhäuser. Zuvor waren deren Landesstudios in Untermiete und Provisorien untergebracht. In Oberösterreich im Finanzamt, in Salzburg in einem Kloster, in Tirol gar in der Landesregierung und in Vorarlberg im Rathaus und im Schlossbräu Dornbirn. Nicht nur nach heutigen Begriffen: Steinzeit! Entscheidend für die Föderalisierung war der seit 1967 amtierende Generalintendant Gerd Bacher, durch das von den Zeitungen initiierte Volksbegehren und die dadurch erfolgte Herauslösung aus den Klammern von SPÖ und ÖVP ins Amt gekommen. Schon in seiner Antrittsrede sagte Bacher: „Der ORF muss die Republik als Summe ihrer Länder begreifen und nicht als die Vorstellung Wien = Österreich.“ Bacher beauftragte den renommierten Architekten Gustav Peichl, Sieger eines Wettbewerbs mit 44 Projekten, dass die Studios gleich auszusehen und schon in der Architektur zu demonstrieren hätten, hier stehe etwas Besonderes: „Wenn wir ein Schindelgebäude und einen jodelnden Hirtenbuben hingestellt hätten, was manchen sehr gefreut hätte, wäre nie jemand auf die Idee gekommen, das ist der ORF, sondern jetzt samma in Tirol, holadero.“

Natürlich gab es gegen diese Investition Proteste. Bacher zur Eröffnung des Dornbirner Funkhauses (20.10.1972): „Im Kulturland Österreich stellt man also die Überlegung an, ob der größte Informations-, Kultur-, Bildungs- und Unterhaltungsbetrieb auch in den Ländern ein eigenes Domizil haben dürfte, während kein Mensch auf die Idee käme, sich über andere öffentliche Arbeitsstätten, wie Bahnhöfe, Gerichte, Schulen usw., zu mokieren oder etwa die prächtigen Bauwerke gesellschaftlicher Repräsentanz von Gewerkschaften und Kammern.“ Zentralistisch könnte man möglicherweise die ganze Republik billiger haben. „Das könnte uns aber politisch teurer kommen als der Föderalismus, der sich nicht erst einmal als die Frischzelle vom Erstarren bedrohter Strukturen erwiesen hat. Wir traurigen Nachzügler vom ORF hoffen, im Lauf der Jahrzehnte ebenfalls in das gesellschaftliche Selbstverständnis einzugehen.“

Peichls Konzept war bestechend. Er ging davon aus, dass man einem technischen Zweckbau auch in den Details ansehen sollte, dass es ein technischer Bau war. Leitungen wurden nicht versteckt, sondern in Röhren untergebracht, die den Funkhäusern ihr bis heute unverwechselbares Gesicht verleihen. Genial war das Konzept, dass man die kreisförmig angelegten Funkhäuser problemlos nach außen erweitern konnte.

Dadurch war die ab 1980 einsetzende Fernseh-Regionalisierung auch baulich leicht umzusetzen. Peichl war stolz, dass seine Landesstudios Vorbild für viele ausländische Anstalten wurden: „In Finnland haben‘s das nachgmacht, in Deutschland, in Schweden, in Deutschland haben‘s viel größer gmacht, aber auch so rund, und so sind die Landesstudios berühmt geworden und haben den großen amerikanischen Architekturpreis gekriegt, den Reynolds Memorial Award.“ Im Zug von Sanierungen haben die meisten Funkhäuser ihre silbergraue Farbe verloren, was Peichl maßlos geärgert hat. Bis auf Dornbirn, nicht zuletzt ein Verdienst meines Kulturchefs Walter Fink, der für den Erhalt der Farbe wie ein Löwe gekämpft hat.

Dass man die 500.000 Euro teure Jubiläumsfeier in Dornbirn (VN vom 28. Juni, vom ORF in dieser Höhe dementiert) in letzter Sekunde abgesagt hat, ist zu begrüßen. Eine Fernsehanstalt kann durch einen Griff zu archivierten Sendungen von einst weit sparsamer und näher an den Publikumswünschen feiern. Auch Kostenbewusstsein beim Umgang mit öffentlichem Geld gehört zum Bacher‘schen gesellschaftlichen Selbstverständnis.

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

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