Heiratsantrag bei minus 20 Grad

Vorarlberg / 19.07.2022 • 18:44 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ehrentraud und Willi Hagleitner verbindet Idealismus und Mitmenschlichkeit. Jeder für sich hat auszeichnungswürdige Leistungen erbracht.Vn/roland paulitsch
Ehrentraud und Willi Hagleitner verbindet Idealismus und Mitmenschlichkeit. Jeder für sich hat auszeichnungswürdige Leistungen erbracht.Vn/roland paulitsch

Mit Willi und Ehrentraud Hagleitner erhält erstmals ein Ehepaar den Russpreis.

Bregenz Einmal ist immer das erste Mal, weiß ein französisches Sprichwort. Heuer trifft es auch auf den Russ-Preis zu, denn erstmals in seiner 53-jährigen Geschichte wird ein Ehepaar mit dem Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis und –ring ausgezeichnet. Die Ehrung geht an Willi (82) und Ehrentraud (77) Hagleitner aus Bregenz für ihren vielfältigen Einsatz im Dienste der Gemeinschaft. Der Anruf mit der guten Nachricht erreichte die beiden auf dem Weg zum Flughafen in Zürich. Von dort sollte es weiter nach Kreta gehen. Tat es auch, aber eben mit einer besonderen Überraschung im Gepäck. „Es war ein guter Start in den Urlaub“, bemerkt Ehrentraud Hagleitner mit einem verschmitzten Lächeln. Die Russ-Preis-Verleihung findet am 1. September 2022 im Rahmen einer Festveranstaltung auf der Werkstattbühne des Festspielhauses statt.

In die Wiege gelegt

Die Freude am sozialen Engagement bekamen Willi und Ehrentraud Hagleitner quasi in die Wiege gelegt. Schon die Eltern zeigten sich diesbezüglich sehr aktiv. „So wurde es auch für uns zur Normalität, sich um andere zu kümmern“, erzählt das Paar, das inzwischen 57 Jahre verheiratet ist. Kennengelernt hat Willi seine Ehrentraud bei einem Einsatz 1962 im Kinderdorf Au-Rehmen, wo die junge Frau als Familienhelferin arbeitete. Den Heiratsantrag erhielt sie an einem bitterkalten Tag im Februar. „Wir waren gemeinsam im Laternsertal unterwegs, wo wir für den Neubau der Familienhelferinnenschule sammelten“, erzählt Willi Hagleitner. Er nützte die Gunst der Stunde und bat um ihre Hand. „Geküsst hast du mich aber nicht“, schmollt Ehrentraud. „Bei minus 20 Grad wären wir wohl zusammengeklebt“, kontert Willi. Neckereien zwischen zwei Menschen, die sich fürs Leben gefunden haben.

Vorher musste der Bräutigam jedoch noch das schriftliche Einverständnis des Brautvaters einholen, nachdem die Volljährigkeitsgrenze damals bei 21 Jahren lag. In Altach, wo Ehrentraud als Familienhelferin tätig war, ließ man die patente Frau nur ungern ziehen. Am 25. September 1965 wurde aber schließlich geheiratet, ein Jahr später der Stammhalter geboren. Mindestens fünf Kinder wünschten sich die Jungvermählten. Sieben sind es geworden: Martin, Benno, Stefan, Jutta, Kornel, Joachim und Tobias. „Alle kamen zu Hause zur Welt, und es war immer ein Fest und eine große Freude“, bekräftigen Willi und Ehrentraud. Bedingt durch das schon damals vielseitige Engagement des Vaters lag es an der Mutter, die Hauptlast der Familien- und Erziehungsarbeit zu schultern. Willi Hagleitner weiß wohl: „Hätte Ehrentraud mich nicht so unterstützt, wäre vieles nicht möglich gewesen.“ Er sagt es mit tiefer Dankbarkeit und einem liebevollen Blick auf seine Frau.

Zugehen auf Menschen

Inzwischen sind bis auf Tobias, der noch studiert, alle Kinder ausgeflogen. Ehrentraud indes ist noch immer das Zentrum der Familie, die mittlerweile um elf Enkel gewachsen ist. Obwohl der Vater kaum da war, gab es doch Gemeinsamkeiten, die mit Hingabe gepflegt wurden. Dazu gehörten gemeinsame Urlaube, gemeinsame Sonntage und der gemeinsame Mittagstisch. „Das haben die Kinder sehr geschätzt“, erinnert sich Ehrentraud Hagleitner, die uneingeschränkt auch zu ihrem Hausfrauendasein steht. Gleichzeitig war sie ihrem Mann eine einfühlsame Ratgeberin und unterstützte insbesondere seine familienpolitischen Tätigkeiten. Auf diese Weise hat einer den anderen ergänzt. Was beide ebenfalls eint, ist das Zugehen auf Menschen. „Begegnungen und Kontakte sind uns wichtig.“ Willi und Ehrentraud Hagleitner sind auch offen für anderes. Das zeigte sich bei der Feier der Goldenen Hochzeit, die interreligiös begangen wurde.

Willi und Ehrentraud Hagleitner werden die 57. und 58. Russ-PreisTräger sein. Bis dato gab es vier Mal zwei Preisträger. VN-MM

Nach vielen Jahren des Einsatzes für die Familie und andere lässt es das Ehepaar jetzt gerne auch gemütlich angehen.
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Auch Wandern gehört zu den bevorzugten Freizeitbeschäftigungen der neuen Russ-Preis-Träger.
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Früher ging es zum Urlaub in die Berge. Inzwischen haben Willi und Ehrentraud Hagleitner Kreta für sich entdeckt.
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