Flatternde Nerven und Visionen

Vorarlberg / 22.07.2022 • 19:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
So sieht die Anton-Schneider-Straße laut Stadt Bregenz heute aus.VOL.at
So sieht die Anton-Schneider-Straße laut Stadt Bregenz heute aus.VOL.at

Dünnes Nervenkostüm. Gesundheitsminister Johannes Rauch (63, Grüne) ist auf Twitter ausgerastet und musste sich dafür entschuldigen. Ursprung des kurzen schriftlich-verbalen Ausbruchs war das kolportierte Aus für die Corona-Quarantäne und Kritik daran, dass das Ministerium nicht evidenzbasiert entscheide. Rauch antwortete: „Ich habe jetzt nicht die Zeit, die ganzen Studien von WHO, der Kommission und der diversen Forschungseinrichtungen dazu zu verlinken. Ich bin – ernsthaft – nicht ganz so bescheuert, wie viele mich hier halten…“ Später musste der Minister zurückrudern: „Alle, die ich gekränkt, verschreckt, irritiert, verunsichert, wütend gemacht habe: sorry.“ Ab jetzt würde zumindest zu Covid „nur noch mein Team twittern“. „Das war‘s für mich mit Spontantwitter“, so der Minister.

Fehler im Regierungsteam. Just zur Premiere der Festspiele präsentierte sich die Vorarlberger Landesregierung als kleineres Team. Hätten sich Besucher der großen Eröffnung im Vorfeld über die Regierungsmitglieder informieren wollen, wären auf der Webseite des Landes nur vier zu finden gewesen. Unter dem Kapitel Politik und Landesregierung waren lediglich die Namen von Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink (61, ÖVP), Christian Gantner (41, ÖVP), Marco Tittler (45, ÖVP) und Daniel Zadra (37, Grüne) gelistet – keine Spur von Katharina Wiesflecker (58, Grüne) und Martina Rüscher (49, ÖVP), ebenso wenig von Landeshauptmann Markus Wallner (55, ÖVP), der sich aktuell in einem mehrwöchigen Krankenstand befindet. Doch keine Sorgen: Die Landesregierung ist weder zerbrochen noch geschrumpft. Offenbar handelte es sich um ein technisches Gebrechen, die Liste auf der Landeswebseite ist wieder völlig hergestellt.

Visionäres Bregenz. Bürgermeister Michael Ritsch (54, SPÖ) hat das geschafft, was seinen Angaben nach „in der vergangenen politischen Konstellation in dieser Form nicht möglich war“. Die Stadt Bregenz hat seit vier Wochen die größte Fußgängerzone Vorarlbergs. Teile der Innenstadt sind nun autofrei, zahlreiche angrenzende Straßen wurden zu Begegnungszonen. So auch die Rathausstraße, in welcher zur Fahrbahnverengung die temporäre Ausstellung „Ansichten einer Stadt – früher und heute“ installiert wurde. Zu sehen sind jeweils eine historische Fotografie aus dem Fundus des Stadtarchivs sowie eine Ansicht der selben Örtlichkeit im aktuellen Zustand. Da erstrahlen der Leutbühel als auch der Kornmarktplatz verkehrsbefreit in neuem Glanz, der Gigantismus der Festspiele, im speziellen der Seebühne, wird augenscheinlich und die Kernaussage, dass Bregenz heute viel besser und schöner und fußgängerfreundlicher ist denn je, wird mit Nachdruck kommuniziert. Die Stadt geht sogar so weit, dass, was die Aktualität der Fotografien angelangt, visionär gearbeitet wird. Bei der Gegenüberstellung der Anton-Schneider-Straße ist nicht der aktuelle Zustand des Platzes vor der ehemaligen Nationalbank, sondern die Visualisierung der Architekten Wimmer-Armellini zu sehen. Diese ist selbstverständlich verkehrsberuhigt, mit einem Brunnen aufgewertet und mit Leben erfüllt. Mit etwas Weitblick kann man bereits erahnen, dass es sich der wohl prominenteste Mieter dieses Straßenzugs, nämlich Bürgermeister Michael Ritsch, alsbald inmitten dieser Ruheoase gemütlich machen wird. Stand heute kann man allerdings von Glück sprechen, dass es in Vorarlberg laut Krankenhaus-Betriebsgesellschaft keinen Ärztemangel gibt, denn, um Helmut Schmidt zu bemühen, die Verantwortlichen der Gegenüberstellungen würden bei dieser Art von Visionen einen Arzt benötigen.

VN-Lokalaugenschein am gestrigen Freitag: Seit über 20 Jahren keine Veränderung am Straßenbild.VN/Rhomberg
VN-Lokalaugenschein am gestrigen Freitag: Seit über 20 Jahren keine Veränderung am Straßenbild.VN/Rhomberg