Was Tempo 100 auf der Autobahn wirklich bringt

Vorarlberg / 27.07.2022 • 22:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Tempo 100 hat Vorteile, nur das Ausmaß ist umstritten. VN
Tempo 100 hat Vorteile, nur das Ausmaß ist umstritten. VN

Frage nach der Sprit­ersparnis nicht einfach zu beantworten.

Schwarzach, Wien Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) hat der Reduzierung der Höchstgeschwindigkeiten bereits eine Absage erteilt. Befürworter betonen vor allem, wer langsamer fährt, verbraucht weniger Treibstoff. Dies hilft dem Klima und schadet der russischen Erdölindustrie.

Die Frage, wie viel Sprit gespart wird, lässt sich nicht ganz einfach beantworten. Das Umweltbundesamt zog die Abgaswerte heran und schloss vom CO2-Ausstoß auf den Treibstoffverbrauch. Nach dieser Berechnung spart man sich bei einer Reduzierung von Tempo 130 auf Tempo 100 23 Prozent des Treibstoffs. Eine Zahl, die auch der VCÖ gern zitiert. Diese kann man jedoch als Laborwerte betrachten, gehen sie doch von einer konstanten Fahrweise aus. Der ÖAMTC blickt lieber auf das große Ganze. Demnach macht es auf den gesamten Treibstoffverbrauch in Österreich nur eine Ersparnis von maximal drei Prozent aus. Denn längst nicht jede Fahrt mit dem Pkw findet auf der Autobahn statt.

Was tatsächlich möglich ist

„Das theoretische Potenzial ist hoch, aber es bleibt letztendlich Wunschdenken“, erklärt Bernhard Geringer. Er ist Vorstand des Instituts für Fahrzeugantriebe und Automobiltechnik der TU Wien. Denn im realen Straßenverkehr lassen sich die vom Umweltbundesamt genannten Werte nicht erreichen. Geringer schätzt die tatsächlich mögliche Spritersparnis daher eher auf 5,5 bis sechs statt der genannten 23 Prozent pro Fahrt ein. Der Rest wird von stockendem Verkehr, Beschleunigungen und Abbremsmanövern aufgefressen. Denn nur ein Viertel der Fahrzeit auf Autobahnen gilt als fließender Verkehr.

Auch der Fokus rein auf Pkw kritisiert der Forscher. „Beim Verbrauch zählt das gesamte Verkehrsaufkommen, nicht nur der Pkw“, betont Geringer. Der Schwerverkehr mit Bus und Lkw macht unter der Woche über 60 Prozent aus, auch am Wochenende kommt der Pkw nur auf etwa zwei Drittel des Gesamtverkehrsaufkommens. Bus und Lkw wären jedoch von einer reduzierten Höchstgeschwindigkeit kaum betroffen. Und auch die Faustregel je langsamer, desto effizienter gilt nicht.

Allgemein gilt, die höchste Effizienz wird bei Geschwindigkeiten von 60 bis 80 km/h erreicht. Im stockenden Verkehr und im Stau steigt der Verbrauch wiederum an. Neben der Effektivität der Verbrennung im Motor spielen bei niedrigen Geschwindigkeiten der Rollwiderstand der Räder, bei hohen Geschwindigkeiten der Luftwiderstand ebenfalls eine wichtige Rolle in der Effizienzberechnung. Gerade Letzterer steigt mit jedem zusätzlichen km/h quadratisch an und trifft wenig windschnittig geschnittene SUV besonders hart.

Hinzu kommen andere Umwelteinflüsse. Wer schneller fährt, hat einen höheren Reifenabrieb und hinterlässt damit mehr Mikroplastik auf der Straße, das über Regen ins Grundwasser gelangen kann. Auch sind schnellere Fahrzeuge lauter und stoßen mehr Abgase aus.

Die nächste Frage ist, welches Fahrzeug man nutzt. Da für Lkw schon länger strengere Gesetze gelten als für Pkw, kann es sein, dass ein SUV mehr Stickoxide ausstößt als ein moderner Euro-VI-Lkw, obwohl Letzterer den höheren Verbrauch hat. Zudem ist der Lkw-Motor auf die erlaubte Spitzengeschwindigkeit von 80 km/h hin optimiert. Schlussendlich hat der Fahrstil den wohl größten Einfluss auf den Treibstoffverbrauch, und ob man bereit ist, auf manche Fahrten zu verzichten. VN-RAU

So fährt man Treibstoffsparend

»Nach dem Motorstart sofort losfahren, den Motor langsam warmfahren.

»Im höchstmöglichen Gang fahren. Die Grundregel ist, dass die Zehnerstelle der Geschwindigkeit den Gang vorgibt. Also 3. Gang bei 30 km/h, 5. Gang ab 50 km/h.

»So spät wie möglich herunterschalten. Das optimale Drehmoment kann man der Bedienungsanleitung entnehmen. Bei Bedarf dürfen und sollten Gänge übersprungen werden.

»Rasch, aber kurz beschleunigen. Es spart mehr Treibstoff, Gas zu geben, als sich an die gewünschte Geschwindigkeit langsam heranzutasten.

»Keine unnötigen Lasten mitführen. Dazu zählen auch Dachträger.

»Möglichst konstant und vorausschauend fahren, nicht dauernd abbremsen und beschleunigen.

»Rollphasen nutzen.

»Bei längeren Stehzeiten den Motor abschalten.

»Reifendruck kontrollieren und auch Serviceintervalle einhalten.

»Tempomat sinnvoll einsetzen. Er hilft auf der Ebene und der Autobahn, ist aber bei Bergetappen eher kontraproduktiv.

»Klimaanlagen und andere Bonussysteme nutzen, wenn sie für das Wohlbefinden und die Fahrtüchtigkeit notwendig sind. Ansonsten abschalten.