Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Ah, das habe ich schon lang gesucht

Vorarlberg / 08.08.2022 • 18:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Jetzt war wieder meine Freundin Fini auf Besuch bei mir im Waldviertel, und Fini ist so eine, die ankommt und sich nicht mal hinsetzt, bevor sie anfängt, rund ums Haus herumzuschuften. Ich hole sie vom Zug ab, und sie reibt sich schon im Auto die Hände: Was kann ich tun? Habe ich schon erwähnt, dass Fini aus dem Ländle stammt? Weil eh. Bei ihr nützen auch sechsundzwanzig Jahre Wien nichts. Die kann nicht einfach gemütlich vor dem Haus sitzen und ins Grüne schauen, das geht nicht. Wo es grün ist, gibt es auch etwas zu tun, also muss man es anpacken.

Als die Fini letztes Mal im frühen Frühling gekommen ist, hat sie zuerst die alten, vom Winter verdörrten Brennnesseln neben dem Weg ausgerissen. Fini hat da so ein Ding mit Brennnesseln. Sie hat mir einmal erzählt, in ihrer Kindheit habe sie erlebt, wie Brennnesseln einen ganzen Garten aufgefressen haben und das darauf stehende Hüsle noch dazu, sie möchte nicht, dass mir das auch passiert. Ich habe gesagt, fühl dich frei, reiß alles aus.

Weil, ich kenne meine Waldviertler Brennnesseln. Die Fini hat sich die Arbeitshandschuhe und die Gummistiefel angezogen, und hat alles ausgerissen, zwei Tage lang. Man hat gesehen, wie ihr das taugt, wie gut ihr das tut. Der Ort gab Sachen frei, die ich schon lange gesucht habe, zwei Frisbees vom Hund und eine Gartenkralle, und andere Sachen, die ich schon lange nicht mehr gesucht habe: einen kaputten Spielzeugbagger, ein Paar gut vermooste rosa Crocs der damals Achtjährigen und neun Tischtennisbälle.

Wie die Fini diesmal gekommen ist, haben wir zuerst ein Foto gemacht: Die Fini neben den grinsenden Brennnesseln, von denen sie dachte, sie hätte sie im Frühling erledigt, und die ihr jetzt dicht und grün zehn Zentimeter über den Kopf wuchsen. Die Fini ist keine kleine Frau, wenn ich das erwähnen darf. Dann hat sie alle Subira aufgeklaubt, gerüstet und auf dem alten Schweizer Blech-Dörrer gedörrt. Dann haben wir uns vors Haus gesetzt, auf das gemähte Fleckerl davor, und sie hat doch ein bisschen einfach so ins Grüne geschaut.

Wir haben die Rosen betrachtet und den Phlox. Die riesigen Haselbäume und den dichten Flieder. Die Apfelbäume.

Was ist das dort?

Soll einmal eine Zwetschge werden.

Aha. Und da hinten?

Weinberg-Pfirsche, sind leider noch nicht reif.

Wir schauten auf die ausgewachsenen Gräser der Wiese davor und auf die mannshohen Brennnesseln rechts vom Weg, über die Falter flatterten, und Fini sagte: Schaut eigentlich eh ganz gut aus, wenn alles so hoch steht und so wild wächst.

Oder, sagte ich.

„Wir haben die Rosen betrachtet und den Phlox. Die riesigen Haselbäume und den dichten Flieder. “

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.