Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Gewalt als neue Normalität

Vorarlberg / 09.08.2022 • 18:34 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Die beiden Radfahrerinnen unterhalten sich. Ein Dritter will vorbei. Platz wäre genug. Und doch bleibt der Mann stehen. Beinah auf Tuchfühlung fixiert er die beiden Frauen. In jedem Augenblick, den er unbeachtet bleibt, wächst sein Unmut. Plötzlich herrscht er sie an. Er schreit. Keines der Worte entspricht dem Anlass. Als zwei, drei Passanten sich dazugesellen, trollt er sich und brüllt im Wegfahren aus Leibeskräften Beschimpfungen, die im Abendwind verwehen. Prügelei gab es keine. Aber viel gefehlt hat nicht.

Täuscht der Eindruck oder nimmt die Zahl derer zu, die notorisch auf Konflikt gebürstet sind? Analog vielleicht noch etwas schaumgebremster, weil man ja doch keine aufs Maul kriegen will, im Schutz der digitalen Anonymität dagegen völlig ungeniert. So werden Mücken zu Elefanten. Menschliche Tretminen säumen die Pfade.

Warum nur? Die Spurensuche führt von der Hitze über Zukunftsängste, die Menschen chronisch überfordern, bis hin zu krankhaftem Hass, der auch den Tod anderer bewusst in Kauf nimmt, ihn herbeiführt und feiert. Und die Weltbühne zeigt im großen Stil, wie es geht: Da werden Kriege vor laufender Kamera angezettelt, eröffnet, in aller Grausamkeit geführt. Das geschieht in einer so unverschämten Selbstverständlichkeit, wie sie diplomatische Bemühungen um ein friedliches Zusammenleben niemals beschieden war.

Thomas Matt

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