Drei Minuten Eiszeit: Von 30 auf minus 86 Grad

Vorarlberg / 17.08.2022 • 17:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sowohl für die Gesundheit als auch zur schnelleren Regeneration soll das Bad in der extremen Kälte hilfreich sein. VN/Paulitsch
Sowohl für die Gesundheit als auch zur schnelleren Regeneration soll das Bad in der extremen Kälte hilfreich sein. VN/Paulitsch

Der Gang in die Kältekammer ist nicht nur bei Hitze ein heißer Tipp. Ein Selbsttest.

Frastanz Temperaturen jenseits der 30 Grad haben viele Vorarlbergerinnen und Vorarlberger diesen Sommer ordentlich ins Schwitzen gebracht. 36,5 Grad Celsius zeigte etwa das Thermometer im Juni in Feldkirch an und knackte damit einen Hitzerekord.

Kein Wunder, dass sich derzeit viele nach einer Abkühlung sehnen. Ein heißer Tipp bei Hitzetagen ist die Kältekammer. Aber Achtung! In der Kältesauna ist es nicht nur ein bisschen frisch, sondern so richtig kalt: Der Körper wird für wenige Minuten -86 Grad Celsius ausgesetzt. Auch wenn der Gedanke an eisige Temperaturen im ersten Moment furchteinflößend erscheinen mag, für die körperliche und mentale Gesundheit kann die sogenannte Kryotherapie (vom altgriechischen Wort „kryos“, das Kälte, Frost bedeutet) von großem Nutzen sein.

Entzündungshemmend

„Die Kältemedizin hat eine lange Geschichte. Revolutionär war die Ganzkörper-Kältetherapie, die 1980 zur Behandlung von rheumatischer Arthritis in Japan entwickelt wurde“, erklärt Gesundheitsschlaf-Pionier und Samina-Geschäftsführer Günther W. Amann-Jennson, der seit über 30 Jahren nicht müde wird, den Schlaf zu erforschen. „Rheuma zeichnet sich durch permanente Entzündungen und Schmerzen aus, die natürlich auch den Schlaf stören. Die Kälte kann lindernd wirken“, erläutert Amann-Jennson.

Populär durch Sportmedizin

Die Therapie mit Eis erlangte vor allem durch die moderne Sportmedizin Popularität. Leistungssportler nutzen sie zur Regeneration und als Trainingsvorbereitung. „Bei Mikroentzündungen in den Muskelfasern und kleinen Blutergüssen ist die Kältekammer ideal.“ Kein Wunder also, dass auch Vorarlberger Spitzensportler wie Skispringerin Eva Pinkelnig, Skirennläuferin Magdalena Egger oder Handball-Nationalgoalie Ralf-Patrick Häusle regelmäßig den Gang in die Kälte wagen. Allerdings gebe es ein breites Feld an medizinischen Indikationen, bei der die Kälte zum Einsatz kommt, betont der Samina-Chef, der im Oktober in Bregenz einen zweiten Standort eröffnet. „Wir haben auch Long-Covid-Patienten, die von positiven Effekten berichten.“

Auf Bibbern folgt Endorphinschub

Bevor es in die erfrischende Kälte geht, wird ein Anamnesebogen ausgefüllt, um eventuelle medizinische Ausschlusskriterien zu erkennen. Wer etwa an Bluthochdruck, Herzerkrankungen oder Klaustrophobie leidet, sollte die Kältesauna meiden. Eine App errechnet nach dem Erstgespräch aufgrund von Größe, Gewicht, Geschlecht und Anwendungsgebiet die Verweildauer und in welchem Rhythmus die Behandlung gemacht werden sollte.

Dann geht es für drei bis vier Minuten in die klirrende Kälte. Der Dresscode in der Kältekammer lautet: Badebekleidung bzw. kurze Sportkleidung, damit sich die Kälte möglichst gleichmäßig verteilt. Die Extremitäten werden mit Mütze und Handschuhen vor Erfrierungen geschützt. Der Mundschutz bewahrt Schleimhäute und Lunge vor Schäden. Für einen kühlen Kopf sorgt Musik, die beliebig ausgewählt werden kann.

Meditativer Zustand

Der erste Gedanke beim Eintritt in die -86 Grad kalte Kabine: „Auf dem Skilift habe ich schon mehr gefroren.“ Tatsächlich ist die trockene Kälte gefühlt nicht so unangenehm wie feuchte. Eine Uhr vor der Kammer zeigt an, wie lange noch verharrt werden muss.

Nach ungefähr einer Minute sind die Gedanken wie eingefroren, der Körper verfällt in einen fast schon meditativen Zustand. Die Körperhärchen stellen sich auf, Arme und Beine beginnen zu kribbeln und schließlich zu zittern. 30 Sekunden vor Ablauf der Zeit wird der Wunsch, die Kabine wieder zu verlassen, immer größer.

Mit dem Öffnen der Tür tritt der Stickstoff mit einem Schwall weißem Dampf aus der Kammer, ein wenig Erleichterung stellt sich ein. Was folgt, ist, neben Gänsehaut am ganzen Körper, das Gefühl eines unglaublichen Frischekicks.

Der Körper aktiviert nach dem Eintritt in die Kammer einen ­Überlebensmodus, durch den Adrenalin ausgeschüttet wird, ein paar Stunden später folgt der Ruhezustand. Und ja, auch der Schlaf am Abend fühlt sich nach dem Energiekick besonders tief und erholsam an.

„Sportler nutzen die Kältekammer bei Mikroentzündungen und zur Regeneration.“