Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Künstliche Aufregung

Vorarlberg / 29.08.2022 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es war so um 1958. Als Zehnjähriger habe ich einmal pro Woche die Bibliothek der Arbeiterkammer in Feldkirch besucht. Aus einem einzigen Grund. Die Bibliothek hatte alle Bücher von Karl May lagernd. Alle! Also über 80. Und ich habe sie alle gelesen. Wie die meisten meiner Generation. Wir wussten alle, wie die Pferde von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi hießen (Hatatitla und Ri) oder die Gewehre von Old Shatterhand und Winnetou (Henrystutzen, Bärentöter, Silberbüchse). Wenn in Winnetou III „der edle Indianer-Häuptling“ vom Schurken Santer erschossen wurde, vergossen wir die eine oder andere Träne.

Doch plötzlich darf das alles nicht mehr sein. Der Ravensburger Verlag hat Bücher zum Film über den jungen Häuptling Winnetou aus dem Verkehr gezogen. Seither tobt eine Debatte über „Cancel Culture“ (etwas angeblich Diskriminierendes wird „gecancelt“) und kulturelle Aneignung. Wenn die junge schwarze US-Poetin Amanda Gorman bei der Amtseinführung von Joe Biden ins Rampenlicht tritt und ihre Gedichte übersetzt werden sollen, darf das keine weiße Übersetzerin sein, weil sie sich nicht in die Welt einer schwarzen Autorin einfinden könne. Im Juli musste in Bern ein Konzert einer Reggae-Band abgebrochen werden, weil Teile des Publikums beim Anblick der fünf Musiker ein Unwohlsein gespürt hatten. Zwei der Musiker hatten filzige Strähnen im Haar, sogenannte Rastas oder Dreadlocks, wie sie berühmte Reggae-Musiker tragen. Diese Musik dürften aber nur indigene Jamaikaner spielen. Wenn Weiße das tun und dazu noch Reggae-Frisuren tragen, sei das „kulturelle Aneignung“.

Wenn Weiße das tun und dazu noch Reggae-Frisuren tragen, sei das “kulturelle Aneignung”.

Jetzt also, 110 Jahre nach dem Tod von Karl May, diese Debatte, die in der Forderung gipfelt, die Bücher müssten neu erzählt werden, weil sie von Vorurteilen nur so strotzen. Winnetou neu erzählen? Dann könnte man gleich bei Shakespeare anfangen. Dessen „Kaufmann von Venedig“ ist so etwas von politisch unkorrekt und von beinhartem Antisemitismus getragen. Da muss man sich nur die Verfilmung mit dem legendären Fritz Kortner ansehen, antisemitischer geht nicht mehr. Shakespeare umschreiben, Weltliteratur? Plötzlich wird diskutiert, ob man Bilder des nach Tahiti ausgewanderten Malers Paul Gaugin nicht mehr ausstellen dürfe, weil dessen Südseebilder mit schönen Frauen eine kulturelle Aneignung darstellen. Wir haben im Feldkircher Gymnasium, initiiert vom Musikprofessor Hubert Marte (einer der Proponenten der Randspiele vor 50 Jahren) begeistert Spirituals – damals „Negro Spirituals“ – gesungen. Klassischer Fall von kultureller Aneignung.

Doch der Professor hat uns mit der Entstehungsgeschichte vertraut gemacht und damit über die Sklaverei mit all ihren dunklen Seiten. Genau so muss auf die wieder aufgeflammte künstliche Aufregung um Karl May reagiert werden, also informieren und darüber reden. Diskussionen um May hat es immer wieder gegeben. Wegen seiner Hochstapelei, den zehn Jahren im Gefängnis, der Aneignung eines „Dr. phil.“. Oder weil er nie oder erst später in den Ländern war, in den die Bücher spielen. Aber man sollte hübsch bei der Wahrheit bleiben. Ein Vorwurf lautet: May sei rassistisch und diskriminiere die indigenen Völker. Tatsächlich war Karl May, wie Konrad Paul Liessmann in der „NEUEN am Sonntag“ schreibt, einer der Ersten und Wenigen, der den Völkermord an den Ureinwohnern Nordamerikas heftig kritisiert hat. Die Diskussion über Culture Cancel oder kulturelle Aneignung wird oft von oben herab geführt oder, wie der Wiener Kultursoziologe Michael Parzer meint (in den SN): „Privilegierte Gesellschaftsmitglieder wollen, oftmals aus einem Überlegenheitsgefühl heraus, Regeln für alle vorgeben.“

Wolfgang Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.