Wer A sagt, muss auch B sagen

Vorarlberg / 02.09.2022 • 16:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Oft schon habe ich das Sprichwort gehört oder auch selbst verwendet: wer A sagt, muss auch B sagen. Das kam vor allem in Situationen vor, in denen sich jemand die Rosinen aus einem Kuchen picken wollte. Aber das Leben ist eben nicht nur ein Rosinen- oder Eierkuchen, sondern hat seine schönen und herausfordernden Seiten, die beide angenommen, gelebt und bestanden werden wollen.

Herausforderungen einer
Beziehung

So ähnlich kommen mir die Worte Jesu im morgigen Sonntagsevangelium vor. Jesus fordert mit seinen Worten heraus: Wenn man ihn zur Mitte seines Lebens macht, schenkt das nicht nur Sinnerfüllung, Geborgenheit und eine tiefe Freundschaft, sondern man kann auch in Situationen geraten, in denen man zu seinen nächsten Angehörigen auf Distanz gehen oder materielle oder finanzielle Nachteile einstecken muss. Das ist für Millionen von Menschen auch in unserer heutigen Welt eine Realität, mit der sie täglich konfrontiert werden. Vielleicht sind auch Sie schon in Ihrem Leben vor der Wahl gestanden: Mache ich das, was meinem Gewissen entspricht und der Liebe dient, auch wenn mir das Nachteile einbringt, eine Beziehung aufs Spiel setzt oder mir selbst sehr schwerfällt? Oder gehe ich den bequemeren Weg und werde mir selbst und meiner Beziehung zu Gott untreu? So würden doch die Forderungen Jesu aussehen, wenn man sie in heutiger Sprache wiedergibt.

Zwei anschauliche Beispiele

Jesus untermalt seine Worte noch mit zwei Beispielen, die es in sich haben: Es leuchtet unmittelbar ein, dass man vor einem Krieg oder, was bei uns im Alltag hoffentlich öfter vorkommt, vor einer großen materiellen Entscheidung seine Mittel abwägt und überlegt, was man sich zutrauen kann und zutrauen möchte. Wenn man diese Beispiele dann auf die Forderungen Jesu anwendet, kann einem die Gänsehaut über den Rücken laufen: Ich bin überzeugt, dass manchen von uns Furcht und Schrecken packt, wenn er sich ausmalt, was die Worte Jesu für ihn persönlich bedeuten könnten. Da möchte ich Jesus zurufen: Kennst du dich denn nicht in der Werbepsychologie aus? Weißt du nicht, dass man die Vorteile betonen und die Nachteile möglichst verschweigen soll, wenn man mit seinen Angeboten ankommen will? Du wirst viele Jünger verlieren, wenn du so anspruchsvoll bist! Möchtest du haben, dass sich von deinen ohnehin so wenig zahlreichen Jüngern noch einige verabschieden?

Kein Werbegeck

Ja, die Botschaft Jesu ist anspruchsvoll, gerade auch am heutigen Tag! Offenbar unterscheidet er sich grundlegend von so manchen Vertretern, die einem irgendeinen Artikel andrehen wollen. Wenn man dann aber die Beschreibung genau durchliest, merkt man, dass im Kleingedruckten noch Dinge stehen, mit denen man nicht gerechnet hat und die man so nicht annehmen möchte.

Jesus möchte eine freie Entscheidung für ihn, und eine Entscheidung mit einem ganzen und ungeteilten Herzen. Warum das?

Ich glaube, weil er sich nach einer wirklichen Liebe und Freundschaft mit uns sehnt. Ein wirklicher Freund aber sagt ja zu seinem Partner, er klammert nicht die unangenehmen Begleiterscheinungen dieser Beziehung aus, sondern sein Freund ist ihm so wichtig, dass es sie trotzdem aus Liebe mitträgt. Und dieses Mittragen gefährdet dann nicht die Beziehung, sondern sie vertieft sie und macht sie sogar reicher und beständiger. So will uns Jesus auch nicht das Leben schwermachen, sondern uns enger an sich binden, damit er uns mit seiner Kraft, seiner Liebe und seinem göttlichen Leben erfüllen kann.

Äbtissin Hildegard Brem, Kloster Maria­stern-Gwiggen, Hohenweiler
Äbtissin Hildegard Brem, Kloster Maria­stern-Gwiggen, Hohenweiler