Den Lebensmut nicht verloren

Vorarlberg / 04.09.2022 • 19:08 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Beate Roller hält sich gerne in der Natur auf. Blumen erfreuen ihr Herz. Roller
Beate Roller hält sich gerne in der Natur auf. Blumen erfreuen ihr Herz. Roller

Ein verhängnisvoller Skiunfall veränderte das Leben von Beate Roller schlagartig.

Salem, Damüls Beate Roller (damals 50) schaute den Skihang hinunter und dachte sich: „Der ist aber steil und eisig. Da muss ich langsam runter fahren.“ An mehr erinnert sich die Deutsche nicht mehr, die an diesem Tag – es war der 20. Februar 2015 – mit ihrem Sohn Simon im Skigebiet Damüls-Mellau Ski fahren war. Später erfuhr sie von ihrem Sohn, dass sie auf der steilen Piste zu Sturz kam, den Hang hinunter schlitterte und in einem Schneenetz hängenblieb.

Als die vierfache Mutter Tage später zu sich kam, lag sie auf der Intensivstation, angeschlossen an Maschinen und Schläuche, die ihr das Überleben sicherten. „Ich lag da und merkte, dass ich meine Arme und Beine nicht mehr fühlte und sie nicht bewegen konnte. Da dachte ich: ,Jetzt ist es aus.‘“ Beate war dermaßen verzweifelt, dass sie den Krankenpfleger, der mit ihr durch die schwersten Stunden ging, bat: „Bitte geben sie mir eine Spritze, damit ich sterben kann.“ Dieser antwortete: „Wir warten noch drei Wochen. Dann reden wir noch einmal darüber.“

„Kann für die Familie weiterleben“

Als ihr Mann Roland und ihre vier Kinder zu Besuch kamen, wendete sich das Blatt. „Sie schauten mich an. Ihre Blicke berührten mich tief. Ich sah in ihren Augen die Liebe, die sie für mich empfanden. So viel Liebe hatte ich noch nie gespürt. Das war der Punkt, an dem ich merkte: Für die Familie kann ich weiterleben.“

Der Skiunfall brachte die gelernte Handweberin in den Rollstuhl. Seither ist sie von den Schultern abwärts gelähmt. „Ich kann den Kopf drehen und die Schultern bewegen. Die Arme kann ich nicht vollständig bewegen. Aber ich kann mich am Kopf kratzen und den Pullover zurecht zupfen. Wenn man mir das Essen klein portioniert und es vor mich hinstellt, kann ich es ohne Hilfe einnehmen“, erklärt sie, was für sie noch möglich ist. Und: „Meine Hände fühle ich nicht richtig. Aber ich kann einen Stift halten. Mit der linken Hand bemale ich Steine. Dass ich dieses Hobby für mich vor drei Jahren entdeckt habe, ist ein großer Gewinn. Denn so kann ich meiner Kreativität Ausdruck verleihen. Auch den elektrischen Rollstuhl kann ich selbst bedienen. Ich kann hinfahren, wohin ich will. Das ist ein Stück Freiheit für mich.“

Die gehandicapte Frau hält sich gerne und oft in der Natur auf, geht mit persönlichen Assistenten spazieren, einkaufen und zur Therapie, besucht Ausstellungen und Cafés und singt im Kirchenchor. „Mein Leben ist immer noch reich. Dafür danke ich Gott“, sagt die 57-Jährige, die schon viele zum Staunen gebracht hat, weil sie ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude nicht verloren hat.

Ihr Glaube bewahrte sie vor Verbitterung. „Der Unfall hat mich noch gläubiger gemacht. Ich gehe den Weg im Rollstuhl mit Gott. Er ist immer bei mir.“ Den Unfall erklärt sie sich heute so: „Mein Schicksal passierte in der Liebe. Gott hat es aus Liebe getan. Er liebt uns Menschen, viel mehr als wir es uns vorstellen können. Er möchte, dass auch wir fest lieben können.“ Beates Schicksal machte mit jedem in der Familie etwas. „Es hat unsere Liebesfähigkeit vergrößert und unsere Hilfsbereitschaft.“ Ihr Mann und ihre Kinder hätten durch sie einen anderen Blick aufs Leben bekommen. „Sie wissen jetzt, wie wertvoll es ist, dass man gesund ist und sich bewegen kann.“ Beate lehrt(e) durch ihr Schicksal aber auch jene Menschen viel, die sie pflegen. „Mein Mann Roland wird von 13 Personen unterstützt.“

Roland ist ihr Held. „Die Hauptlast liegt bei ihm. Er gab alles auf, um für mich da zu sein. Ich bin die oberste Priorität in seinem Leben, seine Aufgabe. Er tut alles für mich. Mein Mann ist ein absoluter Gewinn. Er trennte sich nicht von mir, sondern stellte sich vollkommen dieser Situation. Das ist das Größte, was ein Mensch machen kann.“ Bis vor drei Jahren lagerte Roland seine Ehefrau noch selbst zweimal in der Nacht um. „Jetzt haben wir eine Nachtschwester, die das macht.“

„Ich möchte alt werden”

Beate würde sich für jeden wünschen, „dass er so gute Menschen um sich hat wie ich. Dank ihnen kann ich zu Hause ein freies Leben führen und muss nicht ins Altersheim. Das wäre mir ein Graus.“ Gerne würde die 57-jährige Familienmutter noch viele Jahre leben. Ihre Tochter Helena ist er erst 15 Jahre alt. Die Mutter möchte auch das jüngste Kind noch lange auf seinem Lebensweg begleiten.

Als Helena ihre Mama vor Kurzem fragte, wie ein Webstuhl funktioniert, war diese zutiefst berührt. „Das Weben ist eine Kunst und sehr kompliziert. Dafür braucht es viel Wissen. Ich habe alles im Kopf, kann aber nichts mehr mit den Händen tun. Dass sich jetzt eines der Kinder für mein Wissen interessiert, freut mich immens. Ich gebe es liebend gern weiter.“ VN-kum

Beate Roller mit ihrer Familie. Durch sie gewann sie ihren Lebenssinn zurück.
Beate Roller mit ihrer Familie. Durch sie gewann sie ihren Lebenssinn zurück.