Panzer, Tränen, Hoffnung

Vorarlberg / 08.09.2022 • 18:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Iryna Mohilko hat in Vorarlberg ein neues Zuhause gefunden.VN/MEF
Iryna Mohilko hat in Vorarlberg ein neues Zuhause gefunden.VN/MEF

Für die Ukrainerin Iryna Mohilko beginnt mit Schulstart neuer Lebensabschnitt als Lehrerin.

HARD Wenn Iryna Mihalko über die Panzer an der ukrainischen Grenze spricht, legt sich die Traurigkeit wie eine dunkle Wolke über ihr sonst so sonniges Gemüt. „Ich kann es einfach nicht in Worte fassen, was da innerhalb kürzester Zeit passiert ist“, sagt sie auf Deutsch und ihre blauen Augen füllen sich mit Tränen. „Ich hatte nicht viel Zeit nachzudenken. Ich habe mein Leben in einen Koffer gepackt und bin nach Polen geflohen.“

Gut ein halbes Jahr später sitzt die 36 Jahre alte Ukrainerin in einem Café in Hard und rührt nachdenklich in ihrem Milchkaffee. „Es ist, wie wenn man einen Baum ausreißt und dieser woanders neue Wurzeln schlagen muss“, vergleicht sie ihre Gefühlslage mit einem Beispiel aus der Natur.

Iryna Mohilko

Iryna ist in einem kleinen Dorf im Westen der Ukraine aufgewachsen. „Nicht weit von der Stadt Lemberg entfernt, in der Nähe von Weißrussland“, erzählt sie und zeigt auf einen Punkt auf der Karte auf ihrem Smartphone-Display. Dort hat sie ein Sprachgymnasium besucht und Deutsch und Englisch studiert. Später absovierte sie einen Aupair-Aufenthalt in Deutschland. „Daher spreche ich gut Deutsch“, erklärt sie.

Neun Jahre lang hat Iryna als selbstständige Englisch-Trainerin in der Ukraine gearbeitet, bis die Panzer anrollten und der Krieg über das Land hereinbrach. Der Notrucksack war bereits gepackt. „Ausweis, warme Kleidung, wichtige Telefonnummern, Wasser, Essen für drei Tage“, benennt sie den überlebensnotwendigen Inhalt und wischt sich eine Träne von der Wange.

„Meine Mama arbeitet in Polen. Ich bin zuerst zu ihr gefahren. Dort war aber ziemliches Chaos. Über Bekannte kam ich dann nach Vorarlberg“, erzählt Irina. Ihr Vater und ihr Bruder samt Familie leben in der Ukraine, weitere Verwandte im Zentrum des Landes. Iryna kam allein nach Österreich. „Der Kontakt ist nie abgebrochen. Wir telefonieren regelmäßig. Ab und zu sind Sirenen zu hören.“

In den ersten Wochen verfolgte Irina tagtäglich die Nachrichten. „Irgendwann musste ich damit aufhören. Jedes Mal ist die Wunde wieder aufgerissen“, beschreibt sie die Emotionen nach ihrer Flucht. Jetzt verfolgt sie die Geschehnisse am Handy mit. „Heute kam um 11:51 Uhr eine Warnmeldung. Auf der Karte wird das Gebiet angezeigt“, erläutert sie das Bild auf dem Display und die kyrillischen Schriftzeichen. Wieder sammeln sich in ihren Augen Tränen, wenn sie an die Raketen denkt. Inzwischen hat Iryna Ablenkung in ihrer neuen Arbeit gefunden, in der sie voll aufgeht. „Es ist alles sehr schnell gegangen. Ich war beim AMS, Mitte Mai habe ich schon die Blaue Karte bekommen und durfte an einer Schule mit einem ukrainischen Mädchen Deutsch lernen“, erzählt sie. Ihre Zeugnisse hatte sie sich früher bereits anerkennen lassen, da sie in Deutschland studieren wollte.

Während des Sommers unterrichtete Iryna in Dornbirn am Wifi als Sprachcoach Deutsch und lernte dabei viele Menschen aus der Ukraine kennen. Ab Montag lehrt sie Englisch an der Musikmittelschule in Bregenz. Zudem wird sie Flüchtlingskindern weiter Deutsch beibringen.

Große Unterstützung

„Ein bisschen nervös bin ich schon. Ich verstehe den Vorarlberger Dialekt nicht gut“, gesteht Iryna vor ihrem ersten Schultag als Mittelschullehrerin, „aber es sind alle sehr nett, hilfsbereit und mitfühlend.“ Die Unterstützung sei von Beginn an groß gewesen. Egal, ob es um eine vorübergehende Bleibe, die Registrierung oder die Arbeitssuche ging. Mittlerweile lebt die 36-Jährige in einem Mehrparteienhaus in Hard und teilt sich eine Wohnung mit drei Mitbewohnern. „Wenn ich mal Zeit habe, gehe ich gerne am Bodensee spazieren“, sagt sie.

Was die Zukunft bringt, darüber mag sie derzeit noch nicht nachdenken. „Ich denke, der Krieg in der Ukraine wird nicht so schnell vorbei sein. Das zeigt die Geschichte.“ In Vorarlberg hat Iryna jedenfalls ein neues Daheim und viele neue Freunde gefunden. VN-MEF

Iryna flüchtete vor einem halben Jahr zuerst nach Polen zu ihrer Mama, die dort arbeitet.
Iryna flüchtete vor einem halben Jahr zuerst nach Polen zu ihrer Mama, die dort arbeitet.