Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Abgeschmackt

Vorarlberg / 13.09.2022 • 18:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Bin ich denn einer, der alles gut findet wie ein Depp? Bin ich ein Depp, weil ich alles gut finde?“

Das fragte ein Mann, der sich in der weiten Welt nicht auskannte. Er war bei Besseren zum Essen eigeladen worden, alles hatte ihm geschmeckt. Er fand die Bilder an der Wand schön, die Kinder schön, das Mobiliar schön. Einfach alles.

Da hörte er, wie der Fünfzehnjährige zu seiner Schwester sagte: „Wenn das kein Depp ist, der alles nur gut findet?“

Die Schwester fragte: „Was meinst du mit alles? Der wollte doch nur höflich sein. Vielleicht, weil er kein Geschenk mitgebracht hat. Du weißt ja nicht, was in dem vorgeht. Wieso war der überhaupt eingeladen worden?“

Der Hausherr verkündete, der Mann sei wegen seiner Anständigkeit da. Man müsse sich vor ihm verneigen. War das nicht abgeschmackt? Hatte er doch nur, was normal war, ihm seine Aktenmappe nachgetragen, die er in dem vornehmen Speiselokal liegengelassen hatte. In dieser Mappe befanden sich streng vertrauliche Mitteilungen. Und anstatt eines Finderlohns war er eingeladen worden.

Also aus Dankbarkeit war der naive Mann, eine Küchenhilfe des Lokals, zum privaten Essen gebeten worden. Oder um herauszufinden, ob er die Mappe geöffnet hatte, ob er wirklich vertrauenswürdig war? Er hatte sich unter den Herrschaften nicht wohlgefühlt. Ein Trinkgeld wäre ihm lieber gewesen.

Was redet man mit einem wie mir, dachte er sich. Die wollen etwas an mir ausprobieren. Die schrauben ihre Gespräche so weit herunter, wie es geht, gerade noch, dass die Schraube hält. Die fragen mich nicht über Politik aus, über den Krieg. Die denken, was soll einer wie ich schon denken. Dabei denke ich immer. Ich kann arbeiten und gleichzeitig denken. Ich kann lesen und lese die Zeitung, wenn sie ausgelesen ist. Ich schaue mir die Kriegsbilder im Fernsehen an. Ich weiß wirklich nicht, was los ist in der Welt. Warum es Kriege gibt, es heißt, die gibt es aus Habgier.

Ich frage mich, wann ein Mensch genug von allem hat. Und wenn er alles hat, warum will er noch mehr. Einmal habe ich mitgekriegt, wie ein Gast das teure Besteck gestohlen hat. Er hat es an der Serviette abgewischt und mit Selbstverständlichkeit in seine Ledertasche geschoben. Die Serviererin sagte in der Küche, auf dem Sechsertisch fehlt ein Besteck. „Was soll ich tun?“ Sie fragte den Küchenchef, der fragte den Geschäftsführer. An diesem Tisch saßen Politische. Man durfte nicht fragen, musste so tun, als sei nichts geschehen.

Wer versteht das?

„Wir kennen den Herrn und werden den Verlust bei seiner Familie melden. Es ist nicht das erste Mal. Aber ich bitte Sie alle, die ihr hier in der Küche versammelt seid, darüber kein Wort zu verlieren. Es könnte euren Job kosten.“

„Der Hausherr verkündete, der Mann sei wegen seiner Anständigkeit da. Man müsse sich vor ihm verneigen.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.