Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Würde blüht oft im Verborgenen

Vorarlberg / 13.09.2022 • 18:47 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Wie aus einer anderen Welt wehen uns von den britischen Inseln herüber Begriffe an, die wir so gar nicht mehr geläufig haben. Das Dienen etwa findet ja nur mehr in Verbindung mit Leistung als „Dienstleistungsgesellschaft“ öffentlich Anerkennung. Und die Würde? Das Tun-Wort eilt uns im Konjunktiv zu Hilfe, wenn wir nicht mehr weiterwissen. „Das würde ja schon gehen, wenn nicht…“ Aber als Hauptwort? Der Dienst? Die Würde? Das klingt, als winkte der gute, alte Kaiser in Schönbrunn gütig von einer Postkarte, die den nimmermüden Greis noch immer am Schreibtisch zeigt. So dienstbeflissen und so würdevoll.

Also danken wir der Queen ergebenst posthum für den großen Abschied voller uralter Tugenden, weil sie unserem Erinnerungsvermögen gehörig auf die Sprünge half. Denn Würde ist uns gar nicht so fremd. Da nimmt das zerfurchte Gesicht eines Bergbauern Gestalt an, der abends sein Tagewerk beendet hat und seine Augen auf den Wiesen weiden lässt. Die kundigen Hände eines Handwerkers, die mit Bedacht ein Werkstück formen, tauchen aus der Erinnerung auf – jeder Handgriff von stiller Eleganz. Oder die alte Dame von heute morgen, die mit dem bisschen Einkauf geduldig in der Schlange vor der Kassa stand: Niemals käme ihr eine Klage über die Lippen, obwohl ihre Mittel arg bemessen sind.

Die vermeintlich kleinsten Leben gehen still und würdevoll vonstatten. Ganz ohne Pomp. So still, dass sie geflissentlich übersehen werden.

Thomas Matt

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