Abrupter Abschied von Klienten

Vorarlberg / 15.09.2022 • 19:32 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Schulsozialarbeiter Hans Braun hat seine Arbeit an der HAK Lustenau gerne gemacht. Braun
Schulsozialarbeiter Hans Braun hat seine Arbeit an der HAK Lustenau gerne gemacht. Braun

Die Streichung der Sozialarbeit an höheren Schulen schadet Jugendlichen massiv.

Lustenau Er ist Supervisor, Spielpädagoge, ehemaliger Lehrer und kennt sich aus mit jugendlichen Seelen: Hans Braun (59) war mit seiner Erfahrung ein Segen für die HAK Lustenau, wo sich der gebürtige Wiener mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen der Probleme seiner Schützlinge annahm. Im VN-Interview spricht er über die Konsequenzen der Streichung der Sozialarbeit an höheren Schulen.

 

Nach mehreren Jahren Tätigkeit an der HAK Lustenau können Sie dort plötzlich nicht mehr hin. Wie geht’s Ihnen damit?

Braun Ich war die letzten Jahre zehn Stunden wöchentlich dort, zwei Halbtage. Irgendwie glaub’ ich’s immer noch nicht, dass es vorbei. Ich habe eine sehr gute Partnerschaft mit Lehrern, Eltern, aber vor allem Schülern dort erlebt. Ich habe dort ja nicht nur Beratungen durchgeführt. Es gab auch Präventivprojekte oder die Ausbildung einiger Schüler zu Konfliktlotsen, sprich Streitschlichter.

 

Haben Sie mit dem Ende der Schulsozialarbeit an höheren Schulen gerechnet?

Braun Ich war nicht so überrascht, dass man die Finanzierung nicht mehr verlängert hat. Einen Kampf deswegen gab es ja schon in den letzten Jahren. Es war öfters eine Zitterpartie. Leider kam jetzt das Aus.

Und jetzt sind Sie gezwungen, laufende Beratung und Betreuung von Schülern, die sich Ihnen anvertraut haben, einfach zu beenden?

Braun Ja, genau so ist es. Ich wäre mit einigen Schülerinnen und Schüler weiterhin in Kontakt geblieben und hätte sie beraten. Sie hätten es gebraucht, aber das geht jetzt nicht mehr.

 

Der Direktor der HAK Lustenau sagte, die Sozialarbeit an seiner Schule wäre so wichtig wie noch nie. Können Sie das bestätigen?

Braun Ja, das kann ich durchaus bestätigen.

 

Corona hat alle Schulpartner, besonders die Schüler, vor große Herausforderungen gestellt. Wie herausfordernd war Ihre Tätigkeit in den letzten zwei Jahren für Sie?

Braun Sehr. Ich hatte es ja mit Jugendlichen zu tun, die besonders lang von der Schule ausgesperrt waren. Einige sind in dieser Zeit völlig von der Bildfläche verschwunden. Ich habe sie zu Hause aufgesucht und wahrgenommen, wie viele isoliert waren und sich einsam fühlten – in depressive Stimmung verfallen waren. Für mich war es schön, festzustellen, dass ich alleine durch mein Auftauche, einigen von ihnen helfen konnte.

 

Haben alle Jugendlichen unter dem Schulschließungen und den Coronamaßnahmen gelitten?

Braun Nicht alle in gleichem Ausmaß. Die Wohnverhältnisse haben diesbezüglich schon eine große Rolle gespielt. Es gab Jugendliche, die verfügten zu Hause über genug Platz für sich allein, hatten ihr eigenes Zimmer. Aber nicht allen ging es so. Viele Schüler waren in engen Wohnverhältnissen gefangen. Und dann konnten halt auch nicht alle gleich mit der Situation umgehen.

 

Sind Jugendliche anfälliger geworden für psychologische Störungen? Allein schon deswegen, weil sie sich durch das Googeln im Internet mehr sensibilisieren können?

Braun Das möchte ich nicht behaupten. Es hat sich gesamtgesellschaftlich halt viel geändert. Positiv dabei ist, dass man heutzutage psychischen Störungen erkennt und sie ernst nimmt. Aber die Probleme von Jugendlichen sind nicht anders als früher. Damals hat man es halt nicht Mobbing genannt, wenn jemand von einer Gruppe schlecht behandelt wurde. Dass die Situation nicht aus den Fugen geraten ist, beweist auch die Suizid-Rate unter Jugendlichen. Sie ist nicht gestiegen.

 

Was haben Corona und die damit verbundenen Schulschließungen bei den Jugendlichen angerichtet?

Braun Natürlich ist diese Zeit nicht spurlos an den Jugendlichen vorübergegangen. Andererseits zeichnen sich Jugendliche auch dadurch aus, dass ihre Abwehrkräfte stark sind. Ich durfte bemerken, dass oft schon eine kurze Begleitung ­ausgereicht hat, Dinge bei bei jungen Menschen mit Problemen wieder in eine positive Richtung zu bringen.

 

Welche Auswirkungen befürchten Sie durch den Wegfall der Sozialarbeit an höheren Schulen?

Braun Schon jetzt sind Lehrer überlastet. Die Schulsozialarbeit konnte oft dazu beitragen, bei Problemen erfolgreich einzugreifen. Wir konnten auch vielfach verhindern, dass Jugendliche die Schule abgebrochen haben. All das wird jetzt nicht mehr passieren. VN-HK