Die Kuhglocke, der ­Wettersegen und die Frage nach dem Mammon

Vorarlberg / 16.09.2022 • 17:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Emanuel Sutterlüty“

Emanuel Sutterlüty“

Die Tage um „Hoaligkrüztag“ (Kreuzerhöhung) am 14. September sind für alle Älplerinnen und Älpler, Bäuerinnen und Bauern ganz besondere Tage. Es ist die Zeit des „Huozüos“. Der Rückkehr von Vieh und Mensch von den Alpen zurück ins Tal und in die Obhut ihrer Besitzer. Es ist eine besondere Zeit, wenn des morgens die Nebelschwaden den nahenden Herbst ankündigen und gegen die Mittagszeit das Läuten der Kuhglocken in den Straßen die Heimkehr der „Alpen“ ankündigt. Mehr als zwei Monate harter Arbeit liegen hinter den Älplerinnen und Älplern. Gemeinsam haben sie sich um das Vieh gekümmert, die Alpweiden bewirtschaftet und gepflegt, die Milch verarbeitet und so manchen Wanderer verköstigt und gestärkt. Aufwendig geschmückt und bekränzt erreichen Mensch und Tier das Tal und dürfen noch einmal zurückblicken auf einen hoffentlich guten Sommer.

Das Fest der Kreuzerhöhung markiert auch jenen Zeitpunkt, an dem im Gottesdienst zum letzten Mal der sogenannte Wettersegen am Ende der Messfeier gespendet wird. Vom Frühjahr weg – wenn das geschäftige Treiben in Gärten, Äckern, Wiesen und Land beginnt – begleitet dieser Segen die Arbeit und die Sorge um eine gute, ertragreiche Ernte. Wie schnell und heftig das Wetter seines dazu beitragen kann, die Arbeit eines ganzen Jahres zu vernichten, wird uns von Jahr zu Jahr immer deutlicher bewusst. Dass im Gottesdienst seit Jahrhunderten für ein gedeihliches Wetter und das Fernbleiben von extremen Wetter-
ereignissen gebetet wird zeigt, dass der Mensch – früher mehr als heute – erahnt hat, wie wenig von seinem Tun abhängt, und wie ausgesetzt und angewiesen er auf etwas ist, das er im Grunde nur erahnen kann.

Die mystische Beziehung von Mensch und Natur

Hildegard von Bingen (Gedenktag 17. September) lebte diese unzertrennbare, für sie mystische Beziehung des Menschen mit der Natur. Welche Kraft und Wirkung für Gesundheit und Wohlbefinden in der Natur liegt, darüber schrieb sie ganze Bücher. Doch mehr noch als durch ihr natur- und heilkundliches Wissen erlangte Hildegard durch ihre theologische Auseinandersetzung, sowie durch ihre Standfestigkeit, ihre Zielstrebigkeit und ihr geschickt eingesetztes politisches Engagement einen Platz in der damaligen, männlich dominierten Gesellschaft, wie ihn sonst kaum eine Frau ihrer Zeit innehatte. Sie korrespondierte mit zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik und Kirche, gab Ratschläge und vertrat ihre Meinung, wo sie danach gefragt wurde. Schon zu Lebzeiten wurde sie als Heilige verehrt und Jahrhunderte nach ihrem Tod zur Kirchenlehrerin ernannt. Ein Titel, der nur wenigen bedeutsamen Theologen (von 37 Kirchenlehrern sind nur vier weiblich) vorbehalten ist. Für Hildegard war alles und jedes ineinander verwoben. Mensch-Natur-Gott-Welt. Alles findet seinen Ursprung und sein Ziel im Göttlichen. Ihre Weisheit und Klugheit gründeten darin. „Wenn Klugheit wirksam ist, wer in aller Welt ist ein größerer Meister als sie?“ (Weish 8,6).

Gott und der Mammon – Weisheit ist gefragt

In Weisheit und Unterscheidung der Geister zu handeln bedarf oft einer großen Anstrengung. Was ist gut und recht? Was ist dem Zusammenleben, der Gesellschaft und der Natur förderlich? Wo sehe ich nur meine eigenen Interessen und Vorteile? Dass es dem Menschen nicht gelingen kann, Gott und dem Mammon in gleicher Weise zu dienen (LK 16,13) ist eine Erfahrung die wir kennen. Egoistisches, rücksichtloses Handeln mag für den einzelnen große Vorteile bringen, doch das Zusammenleben leidet. Was im Kleinen wenig Auswirkung hat, wird auf den Ebenen von Umwelt, Wirtschaft und Politik zu einer großen Gefahr. Gleichgewichte drohen ins Wanken zu geraten. Gräben zwischen Arm und Reich, Ost und West, Nord und Süd werden größer und größer. Frieden zwischen den Völkern rückt in die Ferne. Wie aktuell klingen angesichts unserer Weltlage die Worte des Apostels Paulus: „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können.“ (1 Tim 2,1-2).

Wenn ich dieser Tage die Kuhglocken höre, mögen sie mich daran erinnern, wie verwoben Mensch und Natur miteinander sind, wie dringlich es ist, in Weisheit zu handeln und wie bedeutsam die Bitte um Gottes Segen für uns und die Welt doch letztlich ist.

Dr. Juliana L. Troy, Krankenhausseelsorgerin am LKH Rankweil.
Dr. Juliana L. Troy, Krankenhausseelsorgerin am LKH Rankweil.