Jugendliche bräuchten ihn dringend. Doch Hans Braun …

Vorarlberg / 16.09.2022 • 05:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Die Streichung der Sozialarbeit an höheren Schulen zwingt Experte Hans Braun zu Kontaktende mit Klienten.

Er ist Supervisor, Spielpädagoge, ehemaliger Lehrer und kennt sich aus mit jugendlichen Seelen: Hans Braun (59) war mit seiner Erfahrung ein Segen für die HAK Lustenau, wo sich der gebürtige Wiener mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen der Probleme seiner Schützlinge annahm. Im VN.at-Interview spricht er über die Konsequenzen der Streichung der Sozialarbeit an höheren Schulen.

Nach mehreren Jahren Tätigkeit an der HAK Lustenau können Sie dort plötzlich nicht mehr hin. Wie geht es Ihnen damit?

Ich war die letzten Jahre zehn Stunden wöchentlich dort, zwei Halbtage. Irgendwie glaube ich es immer noch nicht, dass es vorbei. Ich habe dort eine sehr gute Partnerschaft mit Lehrern, Eltern, aber vor allem Schülern erlebt. Ich habe ja nicht nur Beratungen durchgeführt. Es gab auch Präventivprojekte oder die Ausbildung einiger Schüler zu Konfliktlotsen, sprich Streitschlichtern.

Haben Sie mit dem Ende der Schulsozialarbeit an höheren Schulen gerechnet?

Ich war nicht so überrascht, dass man die Finanzierung nicht mehr verlängert hat. Einen Kampf deswegen gab es ja schon in den letzten Jahren. Es war öfters eine Zitterpartie.

Sind Sie jetzt gezwungen, laufende Beratung und Betreuung von Schülern, die sich Ihnen anvertraut haben, einfach zu beenden?

Ja, genau so ist es. Ich wäre mit einigen Schülerinnen und Schüler weiterhin in Kontakt geblieben und hätte sie beraten. Sie hätten es gebraucht, aber das geht jetzt nicht mehr.

Der Direktor der HAK Lustenau sagte, die Sozialarbeit an seiner Schule wäre so wichtig wie noch nie. Können Sie das bestätigen?

Ja, das kann ich bestätigen.

Corona hat alle Schulpartner, besonders die Schüler, vor große Herausforderungen gestellt. Wie herausfordernd war Ihre Tätigkeit in den letzten zwei Jahren?

Sehr. Ich hatte es ja mit Jugendlichen zu tun, die besonders lang von der Schule ausgesperrt waren. Einige sind in dieser Zeit völlig von der Bildfläche verschwunden. Ich habe sie zu Hause aufgesucht und wahrgenommen, wie viele isoliert waren und sich einsam fühlten und in depressive Stimmungen verfallen waren. Für mich war es schön, festzustellen, dass ich allein durch mein Auftauchen einigen von ihnen helfen konnte.

Schulsozialarbeiter Hans Braun hat seine Arbeit an der HAK Lustenau gerne gemacht. Jetzt ist er dort nicht mehr tätig. Seine Arbeit wird nicht mehr bezahlt. <span class="copyright">Braun</span>
Schulsozialarbeiter Hans Braun hat seine Arbeit an der HAK Lustenau gerne gemacht. Jetzt ist er dort nicht mehr tätig. Seine Arbeit wird nicht mehr bezahlt. Braun

Haben alle Jugendlichen unter den Schulschließungen und den Coronamaßnahmen gelitten?

Nicht alle in gleichem Ausmaß. Die Wohnverhältnisse haben diesbezüglich schon eine große Rolle gespielt. Es gab Jugendliche, die verfügten über genug Raum für sich allein, hatten ihr eigenes Zimmer. Aber nicht allen ging es so. Viele waren in engen Wohnverhältnissen gefangen. Und dann konnten halt auch nicht alle gleich mit der Situation umgehen.

Sind Jugendliche anfälliger geworden für psychologische Störungen. Allein schon deswegen, weil sie sich durch das Googeln im Internet mehr sensibilisieren können?

Das möchte ich nicht behaupten. Es hat sich gesamtgesellschaftlich halt viel geändert. Positiv dabei ist, dass man heutzutage psychische Störungen erkennt und sie ernst nimmt. Aber die Probleme von Jugendlichen sind nicht anders als früher. Damals hat man es halt nicht Mobbing genannt, wenn jemand von einer Gruppe schlecht behandelt wurde. Dass die Situation nicht aus den Fugen geraten ist, beweist auch die Suizidrate unter Jugendlichen. Sie ist nicht gestiegen.

Was haben Corona und die damit verbundenen Schulschließungen bei den Jugendlichen angerichtet?

Natürlich ist diese Zeit nicht spurlos an den Jugendlichen vorübergegangen. Andererseits zeichnen sich Jugendliche auch dadurch aus, dass ihre Abwehrkräfte stark sind. Ich durfte bemerken, dass oft schon eine kurze Begleitung ausgereicht hat, Dinge bei bei jungen Menschen mit Problemen wieder in eine positive Richtung zu bringen.

Welche Auswirkungen befürchten Sie durch den Wegfall der Sozialarbeit an höheren Schulen?

Schon jetzt sind Lehrer überbelastet. Die Schulsozialarbeit konnte oft dazu beitragen, bei Problemen erfolgreich einzugreifen. Wir konnten auch vielfach verhindern, dass Jugendliche die Schule abgebrochen haben. All das wird jetzt nicht mehr passieren.

Glauben Sie, dass die Streichung wieder zurückgenommen wird?

Je mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher wird es. Jene Kolleginnen und Kollegen, die bisher an höheren Schulen tätig waren, werden statt dessen andere Aufgaben wahrnehmen.