Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Warme Pullis, Fotos vom Meer

Vorarlberg / 19.09.2022 • 18:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Gerade hab ich mir noch das letzte Meersalz von ein paar Tagen am Meer aus den Haaren gewaschen. Frierend. Eigentlich wollten wir direkt von Triest mit ein paar Freundinnen in der Steiermark wandern gehen, aber Schnee bis in tiefe Lagen hat uns das vereitelt. Auch jetzt ist es draußen windig und es regnet, elf Grad, sagt meine Wetter-App.

Erst September und mir ist schon kalt. Ich habe bereits die Wintersachen hervorgeholt: die warmen Pullis und Strickjacken gestapelt; man wusste doch, dass sich die Second-Hand-Kaschmir-Sachen rentieren, die man über die Jahre günstig bei ebay erstanden hat. Die Sommerkleider auf der Stange wurden schon durch die Wintermäntel verdrängt, Daunensachen zuvorderst. Zum Glück habe ich genug warme Stricksocken von der Mama: Man bereitet sich vor auf einen Winter, in dem die Temperatur auch in den Räumen wohl selten richtig kuschelig werden wird, zumindest in der Wiener Wohnung, die mit Gas beheizt wird. Am Land draußen wird mit Holz geheizt, davon sollte es im Waldviertel eigentlich genug geben.

Ich bin das Frieren in der Wohnung gar nicht mehr gewöhnt. Typisch zentralheizungsverwöhnt; sobalds kalt wird, wärmt man die Heizkörper. Obwohl, stimmt nicht, auch in der früheren Wohnung wurde es ein paar Winter lang nie richtig warm, weil die uralte Gasheizung nicht mehr genug Wumms hatte. Ging auch, wir verkrochen uns am Sofa unter den Bettdecken, und wenn in der kleinen Küche gekocht und gebacken wurde, wars dort ohnehin warm. Werden wir wohl auch heuer wieder so machen.

Am Meer war ich schon seit zwei Jahren schon nicht mehr, jetzt trieb mich die Sehnsucht für ein paar Tage nach Triest. Wir gingen jeden Tag den Uferweg entlang, das Meer hielt alle Versprechungen, und es war noch warm genug zum Schwimmen. Ich habe ungefähr hundert Fotos gemacht, vom Blau, von den Wellen, von den Möwen am Ufer, von den Wolken darüber, von der Sonne, die durch sie hindurch ins Wasser sticht, vom Sonnenuntergang hinterm Wasser. Die Strandbar, in der wir saßen, der grüne Kiefernwald, durch der Ozean schimmert. Ich habe die Fotos alle in einen Ordner kopiert, ihn mit „MEER“ beschriftet und ihn oben auf meinem Computer-Bildschirm platziert, neben dem Ordner mit der Aufschrift „SOMMER“, voll mit Fotos von hohen Wiesen und blühenden Bäumen, vom Hund, der durch der saftig grüne Wälder streift, von Abendessen mit Freundinnen im Kerzenschein unter den Sternen, von Pommes mit Ketschup und Mayo im Pappschälchen am See, von heißen, verschwitzten Tagen: Wir werden die Erinnerung daran gut brauchen können in diesem Winter.

„Die Sommerkleider auf der Stange wurden schon durch die Wintermäntel verdrängt, Daunensachen zuvorderst.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.