“Als ich jung war, dachte ich nicht, dass das Leben so schwer wird”

Vorarlberg / 20.09.2022 • 15:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jetzt im Alter sitzt Katharina gerne auf der Bank vor ihrem Haus. <span class="copyright">Kuster</span>
Jetzt im Alter sitzt Katharina gerne auf der Bank vor ihrem Haus. Kuster

Katharina Stadelmann (95) verlor ihren Ehemann und drei Söhne. Sie nahm ihr Schicksal tapfer an.

Bezau Ihr Vater, ein Bauer und Jagdaufseher aus Bizau, gab Katharina etwas fürs Leben mit.

„Wenn das Schicksal zuschlägt, dann musst du es annehmen, sagte er zu mir.“ Die weisen Worte des Vaters begleiteten Katharina Stadelmann durch ihr ganzes Leben. „Ohne diese Lebensweisheit und meinen Glauben hätte ich es nicht geschafft“, ist die 95-Jährige überzeugt.

Sie war zehn Jahre alt, als sie der erste große Schicksalsschlag traf. „Meine Mutter starb. Sie litt an Tuberkulose.“ Der Vater heiratete abermals. Katharina und ihre drei Geschwister bekamen eine Stiefmutter. „Sie mochte mich nicht.“

Das glückliche Brautpaar Katharina und Erich Stadelmann.
Das glückliche Brautpaar Katharina und Erich Stadelmann.

Mit 22 Jahren gründete die Wälderin eine Familie mit ihrem Mann Erich, der Landwirt in Bezau war und in einem Sägewerk arbeitete. Es blieb nicht bei dem einen Kind. Es kamen zehn weitere. Katharina dazu: „Die Kinder sind einfach gekommen.“

Das jüngste Kind war gerade ein paar Monate als, als die Vorsehung abermals zuschlug. Erich fiel an seinem Arbeitsplatz um und war tot: Herzinfarkt. „Als der Pfarrer kam, wusste ich, dass etwas passiert sein musste.“ Der Tod des elffachen Familienvaters im Jahr 1970 brachte die große Familie in (finanzielle) Bedrängnis. „Wir haben schon vorher nicht viel gehabt.“

Nachts ins Kissen geweint

Aber die Not der 43-jährigen Witwe, die nicht vor den Kindern trauerte, sondern nachts ins Kissen weinte, wurde gesehen. „Die ganze Gemeinde und die Verwandten halfen uns.“ Sohn Erich erinnert sich: „Meine jüngeren Geschwister und ich hatten Kostplätze. Wir konnten einmal in der Woche zu einer Familie essen gehen.“ Keiner in der Familie musste hungern. Das lag auch daran, dass die elffache Mutter einen Job annahm.

Damit Geld reinkam, begann sie, zwischen vier und sechs Uhr in der Früh Zeitungen auszutragen im Bahnhofsviertel in Bezau. „Ich transportierte die Zeitungen mit meinem Fahrrad.“ Währenddessen hütete ihre älteste Tochter Rosa die kleineren Kinder. Mehr als 35 Jahre lang trotzte die VN-Zustellerin den Unbilden des Wetters. Aber einmal fing sie sich eine Lungenentzündung ein, ein andermal brach sie sich die Hand, weil sie auf Glatteis ausgerutscht war.

Ein Foto aus der Vergangenheit. Katharina Stadelmann mit ihren elf Kindern. <span class="copyright">Foto Hollenstein</span>
Ein Foto aus der Vergangenheit. Katharina Stadelmann mit ihren elf Kindern. Foto Hollenstein

Zu Hause ging die Arbeit weiter. Die Kinder mussten versorgt, der Haushalt gemacht und die Landwirtschaft mit den acht Kühen betrieben werden. Ihr Sohn Erich kann sich nicht erinnern, dass seine Mutter je gejammert hätte. „Selbstmitleid kennt sie nicht.“ Selbst als sie im Jahr 2003 einen Sohn verlor, blieb sie gefasst. Ihre Schicksals- und Gottergebenheit halfen ihr auch über den Verlust zweier weiterer Söhne Jahre später hinweg. „Es geht alles vorüber, sage ich immer.“

Es waren die schlechten Zeiten, die Katharina stark und reif gemacht haben, nicht die guten. Aber die gab es glücklicherweise auch. „Jetzt ist zum Beispiel eine gute Zeit.“ Das Alter kann auch ein Geschenk sein, vor allem dann, wenn man so rüstig ist wie Katharina. Die 95-Jährige schätzt es, dass sie sich um nichts mehr kümmern und für niemanden mehr Verantwortung tragen muss. „Jetzt kann ich tun, was ich mag. Früher musste ich alles tun.“ Die betagte Frau sitzt gerne auf der Bank vor ihrem Haus. Auch das Lesen der Tageszeitung ist ein Fixpunkt in ihrem Alltag. „Ohne Zeitung wäre der Tag lang.“ Viel Zeit verbringt sie auch auf dem Kanapee. Dort sinniert sie über ihr Leben. „Der Herrgott hat mir fest geholfen durchs Leben zu kommen. Wenn man an ihn nicht glaubt, ist das Leben verpfuscht“, meint die gläubige Frau.

Jetzt, im Alter, betet sie ohne Unterlass. „Ich bitte um Gesundheit und außerdem um einen guten Tod. Am liebsten würde ich abends gesund zu Bett gehen und morgens nicht mehr aufwachen.“ Katharina ist zuversichtlich, dass sie nach ihrem Tod in den Himmel kommt. „Ich denke, man wird mich reinlassen.“ Einmal in himmlischen Gefilden, würde sie nicht mehr auf die Erde zurückwollen. „Ich möchte kein zweites Mal leben.“ Das jetzige Leben reicht ihr. „Als ich jung war, dachte ich nicht, dass das Leben so schwer wird.“