Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kennst du mich nicht mehr?

Vorarlberg / 20.09.2022 • 17:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Kennst du mich nicht mehr“, fragte die Frau vor dem Bankschalter. Verweigerst du auch das Magst Internetbanking?“

Ich kannte sie wirklich nicht. Irgendwie kam sie mir bekannt vor, aber, keine Ahnung. . .

„Wir sind zusammen ins Riedenburg gegangen. Ich bin die Gudrun.“

„Die Gudrun, ja, jetzt weiß ich es wieder. Wir verändern uns eben.“

„Du nicht.“

„Ich bin eine alte Frau wie du.“

„Du hast mich nicht erkannt, weil ich so dick geworden bin. Aber weißt du, das kommt nicht vom Essen, das liegt am Stoffwechsle. Wenn du wüsstest bei wie vielen Ärzten ich in Behandlung war und bin. Sie können mir nicht helfen. Diäten! Weißt du, wie viele Diäten es gibt? So viele wie es Frauen gibt.! Ein Arzt hat mir geraten, meinen Magen verkleinern zu lassen. Ich habe mich erkundigt und das klang alles so grausam, dass ich es nicht machen will. Du hast dann zwar Hunger, kannst aber nur ein Häufchen essen. Und was das Schlimmste ist, du denkst ständig ans Essen.“

Ich wusste nichts zu sagen.

„Ich sehe, du bist schockiert, wie jeder, der mich gekannt hat. Weißt du noch, was ich für eine dünne Gaiß war und wie gut am Schwebebalken?“

„Damals waren wir alle dünn.“

Stimmt nicht. Die Eli war dick und beim Turnen versagte sie komplett. Und weißt du, wie sie jetzt aussieht? So dünn wie du. Ich fragte sie, was hast du gemacht und sie sagte, sie habe nichts gemacht. Die Zeit hat sie verändert, sagt sie. Soll man das glauben?“

„Hast Du Familie“, fragte ich.

„Hatte eine Familie, einen Mann, zwei Töchter, jeder lebt für sich allein und keiner kümmert sich um mich.“

„Wie traurig“, sagte ich.„Und Freundinnen?“

„Eine Selbsthilfegruppe. Lauter fette Frauen und ich mittendrin. Aber denk dir nichts. Wir essen und lachen. Es ist eh schon für alles zu spät. Sollen wir uns ein Glas Wein gönnen?“

Ich begleitete sie in ein Cafe. Es war schon Abend und Leute aus den Büros füllten den Raum. Es wurde laut geredet und gelacht.

„Essen wir einen Lachs, das passt gut zum Weißwein“ , sagte Gudrun.

Ich bin so selten unterwegs, so dass ich mir total fremd vorkam.

„Noch ein Glas, zur Feier des Tages?“

Drei Gläser Wein hat jede von uns getrunken und als wir auf die Straße hinaustraten, spürte ich den Schwips. Beide waren wir übermütig, und als wir auf dem Asphalt mit Kreide aufgemalte Vierecke sahen, zogen wir unsere Schuhe aus und hüpften auf einem Bein. Gudrun war gelenkiger als ich dachte. Zwei kleine Mädchen drängten uns zur Seite. Sie zeigten, wie es wirklich geht. In die Hände klatschen, von einem Fuß auf den andern wechseln, vorwärts und rückwärts.

Uns blieb nur das Bravo-Rufen.

„‚Die Zeit hat sie verändert‘, sagt sie. Soll man das glauben?“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.