Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Sündenfall im Heiligen Land

Vorarlberg / 23.09.2022 • 22:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Diese Eisgeschichte hat in den vergangenen Tagen erst für Erheiterung und dann für immer mehr Fragezeichen in der politischen Strategie des, wie man ihn bislang beschrieb, designierten Tiroler Landeshauptmannes Anton Mattle gesorgt.

Die „Tiroler Tageszeitung“ lud die Spitzenkandidaten kürzlich zur Elefantenrunde. Beim üblicherweise von PR-Strategen wohl vorbereiteten Eröffnungsstatement war es Anton Mattle ein Bedürfnis, glaubhaft zu versichern, dass er volksnah sei, ein Politiker zum Anfassen.

Politiker meinen immer wieder, beweisen zu müssen, wie nah am Volk sie sind und vergrößern damit den Abstand. Einer, der dieses Problem eigentlich nicht hat, ist der Elektroinstallateur-Meister aus Galtür. “Toni” Mattle war 29 Jahre Bürgermeister des Bergdorfs, bis er erst im Vorjahr Landesrat wurde.

An jenem Abend nun erzählte er die Geschichte, dass er in einer Wahlkampfpause in einer Eisgrotte in Innsbruck ein Eis gekauft und gelöffelt habe. Jawohl. Er. Ein Eis. Eine Passantin habe ihn entdeckt und ihr habe gefallen, dass er, Mattle, Eis esse, „wie ein Normaler“. Klar sei damit, dass “Menschen wieder Politik zum Greifen” haben wollten.

Das war aber nur die kleine Spitze eines großen Eisbergs. Denn der Eitelkeit des bisherigen Landeshauptmanns Günther Platter ist es zu verdanken, dass Toni Mattle nur als designierter Nachfolger und Spitzenkandidat präsentiert wurde. Landeshauptmann bleibt bis zur Wahl aber Platter selbst – der strategisch kapitalste Bock. So kommt es dazu, dass eine nach der Wahl deutlich geschwächte ÖVP ihren Kandidaten Anton Mattle zum Landeshauptmann machen muss. Anstatt dem Neuen einen automatischen Amtsbonus mitzugeben, müssen die Schwarzen einen Verlierer befördern.

Die Tiroler ÖVP kommt vom selben Selbstverständnis wie die Vorarlberger VP. Ein Selbstverständnis, so stark wie eine absolute Mehrheit – selbst wenn es längst nicht mehr für eine absolute Mehrheit reicht. 44 Prozent waren es beim letzten Wahlgang in Tirol. Derzeit wird das Elend der dortigen ÖVP mit Umfragewerten um die 26 Prozent ausgeleuchtet.

In der ÖVP erwartet man den Einschlag wenige Tage vor dem Schicksalstag der Tiroler Landtagswahl bei 31 oder 32 Prozent. Jedenfalls ein 30er-Wert werde es, ist man sich sicher. Und mit dem dann mit Abstand schlechtesten Ergebnis, das die Tiroler ÖVP je gesehen hat, wäre man nach außen hin zufrieden. Auch in Vorarlberg sind die 43,5 Prozent der Volkspartei von 2019 mit dem Wirtschaftsbund-Skandal auf zuletzt 30 Prozent in einer von den VN im Frühsommer in Auftrag gegebenen Meinungsumfrage geschmolzen.

Corona hat Ischgl und damit Tirol europaweit nicht nur noch berühmter, sondern berüchtigt gemacht. Tirol habe laut dem damaligen Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg dennoch “alles richtig” gemacht. Jetzt, mitten in der Energiekrise, mit zögerlichen Antworten auf den Klimawandel: die Stimmung in der Wählerschaft ist nur schwierig zu fassen, auch die ÖVP tut sich schwer.

Die Bundes-ÖVP kann nicht wegsehen. Wenn Tirol verkümmert, wird mit Niederösterreich das nächste Stammland supernervös. Eine Schmach in den Tiroler Alpen zöge eine Neubewertung der Machtverteilung in der komplizierten Volkspartei nach sich, bundesweit.

Wie bunt Tirol tatsächlich wird, zeigen der Sonntag und die nachfolgenden, erwartbar schwierigen Koalitionsverhandlungen.

Gerold Riedmann

gerold.riedmann@vn.at

05572 501-320

Twitter: @gerold_rie

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.