Alles richtig gemacht

Vorarlberg / 25.09.2022 • 22:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

innsbruck Tiefstapeln war für die Tiroler ÖVP der Schlüssel zum Erfolg. Anders lässt sich nicht erklären, dass Spitzenkandidat und wohl baldiger Landeshauptmann Anton Mattle mehrmals am Wahlabend von einer erfolgreichen Aufholjagd sprach. Seine Messlatte waren schlechte Umfrage- und nicht vorherige Wahlergebnisse. Die Sprachregelung für den Landeshauptmann­anspruch war schnell gefunden: Die ÖVP hat doppelt so viele Mandate wie die Parteien auf Platz zwei und drei. Dass es sich in Prozentwerten um das schlechteste ÖVP-Ergebnis aller Zeiten handelt, soll so in den Hintergrund rücken. Diese „Alles richtig gemacht“-Haltung wirkt ähnlich realitätsentrückt wie im März 2020.

Der Schaden, den Mattle im Wahlkampffinish seiner eigenen Partei zugefügt hat, wird ihm wohl verziehen. Sein Aufreger zum Klimabonus für Asylwerber könnte noch für die letzte Mobilisierung gesorgt haben. Selbst der Skandal um Fördergelder an die Jungbauern fand offensichtlich mit der Schuldzuweisung an den Vizekanzler ein gutes Ende für die ÖVP und ein schlechtes für die Grünen. Beide Koalitionspartner haben in Tirol verloren, auf die harte Oppositionsbank muss aber nur der kleinere.

Für die SPÖ gilt: Sieger sehen anders aus. Obwohl die zentralen Themen Inflation und Wohnen ein perfektes Umfeld boten, rutschte die SPÖ hinter die FPÖ auf Platz drei. Sein Wahlversprechen kann Georg Dornauer dennoch halten: Eine Zweierkoalition mit der ÖVP geht sich aus, doch nicht aus eigener Kraft. Erwartet wurde mehr Augenhöhe durch höhere eigene Gewinne und höhere Verluste beim zukünftigen Regierungspartner. Hinzu kommt, dass die ÖVP mit der FPÖ eine weitere Option hat. Mattle hat Schwarz-Blau zwar am Wahlabend erneut ausgeschlossen, aber er wird wohl nicht zögern, die Schuld am Scheitern einer Koalition der SPÖ zuzuschieben, bevor er sich dann schweren Herzens der FPÖ zuwendet. So oder so: In Tirol endet die Ära der schwarz-grünen Westachse.

Nach Prozentpunkten ist die Liste Fritz Wahlsiegerin. Ihr unermüdlicher Einsatz als Opposition, ihr Fokus auf wenige Themen und die sympathische Ausstrahlung von Andrea Haselwanter-Schneider wurden mit Platz vier und einem weiteren Mandat belohnt. Die Ferne von allen Bundesparteien war ein zusätzlicher Vorteil bei einer Wahl, die als Stimmungsbarometer für die Bundesregierung gilt. Bei ihrem wichtigsten Wahlziel ist die Liste Fritz allerdings gescheitert: Die ÖVP wird weiter den Landeshauptmann stellen. Daran wird auch die FPÖ nichts ändern. Ihre Zugewinne stärken vor allem Herbert Kickl mit seinem radikalen Oppositionskurs. Was die anderen Parteien nachdenklich stimmen sollte: Die FPÖ scheint das beliebteste Zukunftsprogramm zu bieten, denn bei jungen Wählern liegt sie auf Platz eins.

Große Wellen wird dieser Sonntag mit einem Verlierer, aber ohne wirkliche Gewinner weder in Tirol noch in Wien schlagen. Bundeskanzler Karl Nehammer hat seine erste Wahl ohne viel Zutun zwar verloren, aber nicht den Landeshauptmann. Und die Grünen müssen Neuwahlen im Bund nun noch mehr fürchten. Interessant ist aber, dass nach Kärnten und der Steiermark ein weiteres Bundesland nun zur ehemals Großen Koalition zurückkehrt.

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