Wöster-Vieh zog noch für zwei Wochen ins Vorsäß

Vorarlberg / 25.09.2022 • 18:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Wöster-Urgestein“ Karl Gunz, Michael Rubner und Hasengerach-Alpmeister Werner Wohlgenannt (v. l.) machen gutgelaunt Pause. STP/2
„Wöster-Urgestein“ Karl Gunz, Michael Rubner und Hasengerach-Alpmeister Werner Wohlgenannt (v. l.) machen gutgelaunt Pause. STP/2

Keinen Tag zu früh machte sich die Herde auf den Zwei-Tages-Marsch.

Bregenzerwald Das war knapp – keine 24 Stunden nachdem das Vieh die Alpe Wöster verlassen hatte, war dort der Winter eingekehrt und eine dicke Schneedecke bedeckte die Weiden im Täli auf knapp 1800 Metern Seehöhe. Dass sie den Alpabtrieb einen Tag später begonnen hätten, daran wollten Hirtschaft und Treiber gar nicht denken. Zwar war es nach dem Wetterumschwung auch im Nachtlager in Schnepfau alles andere als gemütlich, aber kein Vergleich mit den winterlichen Verhältnissen auf der Tälialpe.

Alpsystem Wöster

Die Tälialpe ist ein Teil des umfangreichen „Alpsystems Wöster“, zu dem neben den Alpen Täli, Unter- und Oberwöster im Gemeindegebiet von Lech auch die Vorsäße Hasengerach, Laubach und Nest im Gemeindegebiet von Dornbirn gehören. „Der Wöster“ umfasst ein Gebiet von insgesamt rund 1150 Hektar, verteilt auf die genannten Teilalpen. Zwischen Täli und Hasengerach liegen rund „60 Kilometer Bregenzerwald“, eine Strecke, für die die Treiber mit ihrer Herde zwei Tagesmärsche benötigen.

Am ersten Tag geht es vom Täli bis ins Nachtlager in Schnepfau, am zweiten Tag dann weiter auf die Voralpen.

Zwei Wochen Zwischenstation

Der Alpabtrieb vom Wöster ist nach zwei Tagen noch nicht beendet, denn ein Großteil der Herde macht noch für zwei Wochen Station auf den Alpen Hasengerach, Laubach und Nest, ehe es in einem dritten Marsch ins Gütle geht. Die Stadt Dornbirn hat diesen Alpabtrieb für den 1. Oktober angekündigt.

Mit der Alpe Wöster verbindet sich eine über 600 Jahre zurückreichende Tradition, denn 1382 wurde das Alpgebiet in der Gemeinde Lech „mit Einwilligung des Gotteshauses zu Weingarten“ an einen Bregenzer Bürger verkauft, wie ein im Landesarchiv verwahrtes Dokument belegt. 200 Jahre später begannen Dornbirner Landwirte erste Anteile am Wöster zu erwerben und heute ist der Wöster eine Dornbirner Alpe. Erst viel später kam die Voralpe Hasengerach in Dornbirner Besitz. 1807 erwarben Wösterer Alppioniere dieses Alpgebiet, das das „System Wöster“ komplettiert.

Mehrstufiger Alpsommer

„D’r Wöster“ zieht in der Regel Anfang Juli auf. Das Vieh bleibt – je nach Futterangebot – für einige Zeit im Täli auf knapp 1800 Metern Seehöhe, um dann über den 2097 Meter hohen Wöstersattel ins Bockbachtal zu ziehen. Dort wurde vor rund 15 Jahren die neue Unterwösterhütte erstellt. Auch diese liegt auf rund 1800 Metern Seehöhe. Die nächste Station für das Alpvieh ist dann das auf etwa 2100 Meter Seehöhe liegende Lager Oberwöster. Hier reichen die Alpweiden bis auf 2300 Meter hinauf, die drei Wösterspitzen (Nördliche, Mittlerer, Südliche) sind zwischen 2337 und 2358 Meter hoch. Am Ende des Alpsommers wird noch einmal „umgesiedelt“, die Herde wechselt ins Täli, wo sich die Älpler nach einem kurzen Aufenthalt auf den Alpabtrieb vorbereiten.

Marsch über Berg und Tal

„D’r Wöster“ hat nicht nur Vorarlbergs längsten Auf- und Abtrieb zu bieten, er ist auch ein Marsch über Berg und Tal, denn zwischen Hochalpe im Gemeindegebiet von Lech und der Voralpe Hasengerach liegen nicht nur zwei Tagesmärsche und mehr als 60 Kilometer, die Herde hat auch einiges an Höhenmetern zu bewältigen.

Vom Täli (1681 Meter) geht es zuerst rund 200 Höhenmeter hinunter nach Lech-Stubenbach, dann wieder hoch auf die knapp 1800 Meter hoch gelegene große europäische Wasserscheide. Durch das Auenfeld entlang der Bregenzerach wird schließlich Schröcken erreicht – und damit die L 200, auf der es zur Mittagsrast am Ortsanfang von Schoppernau geht. Dort wird ein Teil des Viehs – meist von Wälder Bauern – abgeholt. Vieh holen Landwirte dann auch noch am Abend beim Nachtlager in Schnepfau ab.

Der zweite Tag führt nur noch ein kurzes Stück auf der L 200, denn in Mellau, wo der Alpabtrieb mit knapp 700 Höhenmetern den tiefsten Punkt erreicht, biegt die Herde von der Hauptstraße ab und muss bis zu den Voralpen Hasengerach (1205 Meter), Laubach und Nest noch einmal eine Menge Höhenmeter absolvieren. STP

Vieh und Treiber legen vor der Kulisse der Kanisfluh eine Rast ein.
Vieh und Treiber legen vor der Kulisse der Kanisfluh eine Rast ein.

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