Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Privatsphäre, welche Privatsphäre?

Vorarlberg / 26.09.2022 • 18:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Vergangenen Freitag konnte Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache alles über sein Privatleben in der Zeitung nachlesen. Nach einem Artikel in der Kronen Zeitung legte die Tageszeitung Österreich nach. Man habe bisher „bewusst dieses zum höchstpersönlichen Lebensbereich gehörende Geheimnis nicht veröffentlicht“, aber leider: „Eine andere Boulevardzeitung war weniger anständig und korrekt – und hat die ,Eheverfehlung‘ von HC Strache nun geoutet. Deshalb nun hier alle Details, die nur oe24 kennt.“ Und es folgten brühwarm alle Details.

Privatsphäre

Lange gab es hierzulande den medialen Konsens, auch die Privatsphäre prominenter Menschen zu respektieren, wenn ein Fehlverhalten nicht im Kontext ihres Berufs festzustellen war. Was Politikerinnen und Politiker in ihrem Privatleben treiben – das geht uns nichts an, so lange es sich nicht um strafrechtlich relevante Verfehlungen handelt oder das private Verhalten der Betroffenen nicht gänzlich ihrer Politik widerspricht.

Während etwa die englischen Boulevardblätter oder die deutsche Bild explizit über das Privatleben von Prominenten berichten, war man in Österreich traditionell zurückhaltender.

Zurückhaltung

Heute zeigt sich am Beispiel des gefallenen Politikers Strache, dass die alten, langweiligen Regeln nicht mehr gelten. Befeuert von Social Media setzt sich offensichtlich die Meinung durch, dass Zurückhaltung für manche gelten soll, für andere aber nicht. Strache, der in seiner machtvollen Zeit dem Boulevard verbunden war, kam am Krone-Titelblatt 2020 sogar mit Details über den angeblichen Kauf von Potenzmitteln auf Spesenkosten der FPÖ vor. Er stellte diese Vorwürfe in Abrede.

Jeder, jede hat Würde

Natürlich kann man jetzt befinden: Selber schuld, Strache war ein Politiker, den nie Skrupel geplagt hätten, wenn er im Angriffsmodus war. Es ist verständlich, dass gerade Menschen, die zu den Feindbildern des FPÖ-Chefs gehört haben, nun Genugtuung über die Berichterstattung empfinden mögen. Und ja, für große Boulevardblätter gilt das „Prinzip Bild“, das der Axel-Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner einmal so beschrieb: „Wer mit der Bild Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“

Ehrenkodex

Doch wenn die Privatsphäre egal ist und die Würde obsolet wird, verschärft sich der allgemeine Ton noch mehr. Der Schutz der Intimsphäre jedes Menschen, wie er auch im Ehrenkodex der österreichischen Presse festgelegt ist, sollte für jeden Menschen gelten. Außer es gibt ein berechtigtes öffentliches Interesse, das Berichterstattung erfordert. Denn eine entgrenzte Medienmaschinerie, in der Würde und Privatsphäre nichts mehr zählen, wenn die Geschichte nur „amüsant“ genug ist – so etwas kann niemand wollen.

„Wenn die Privatsphäre egal ist und die Würde obsolet wird, verschärft sich der allgemeine Ton noch mehr.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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