Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Qualitätscheck

Vorarlberg / 27.09.2022 • 19:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es gibt neben der ÖVP noch einen Verlierer bei der Tirol-Wahl: Die Meinungsforschung. Die vor der Wahl veröffentlichten Sonntagsfragen hatten nicht nur eine enorme Spannbreite, sie lagen allesamt daneben. Das Misstrauen gegen Umfragen fand bereits mit dem berühmt gewordenen „Beinschab-Tool“ ausreichend Grundlage. Nun beziehen sich vor allem ÖVP-Spitzenvertreter hämisch auf die schlechten Umfragen, doch trotz des durchschaubaren Kalküls gerät die gesamte Branche in Misskredit.

Beim Beinschab-Tool ist die Art der Finanzierung aus dem Finanzministerium der eigentliche Skandal und weniger die Qualität der Datenerhebung. Die Tiroler Umfragen stellen ebenso mehr ein Armutszeugnis all jenen aus, die diese Umfragen bestellen, veröffentlichen, interpretieren oder glauben. Ein simpler Qualitätscheck in vier einfachen Schritten kann jederzeit im Eigenversuch durchgeführt werden. Erstens: Wie viele Personen wurden befragt? Der Verband der Markt- und Meinungsforschungsinstitute hat für seriöse Aussagen eine Mindestgröße von 800 Personen festgelegt. Alle Umfragen in Tirol lagen darunter. Zweitens: In welcher Form wurden sie gefragt? Es sollte ein Mix aus online, telefonischen und bestenfalls auch persönlichen Interviews sein, um die Gesamtbevölkerung bestmöglich abzubilden. Tatsächlich begnügten sich die meisten Umfragen in Tirol mit bedingt aussagekräftigen Online-Interviews. Drittens: Wie lautete die genaue Fragestellung? Durch vorgegebene Antworten oder Suggestivfragen à la „Sind Sie nicht auch der Meinung, dass XYZ der beste Landeshauptmann ist?“ wird selbstverständlich das Ergebnis beeinflusst. Viertens: Wann wurde befragt? Die Umfrage kann schon älter sein oder an einem Tag stattgefunden haben, an dem die Zeitungen voll mit negativen Schlagzeilen waren.

Nicht zuletzt beeinflussen Sonntagsfragen selbst das Wahlverhalten. Wenn von einem Erdrutschverlust die Rede ist, raffen sich unzufriedene Stammwähler vielleicht doch noch auf ins Wahllokal. 2008 verlor die Tiroler ÖVP ebenfalls über neun Prozentpunkte und landete bei mageren 41 Prozent. Der damalige Landeshauptmann gab den Umfragen die Schuld, die alle die ÖVP mit absoluter Mehrheit auf Platz eins sahen. Herwig van Staa forderte als Konsequenz ein Verbot von Umfragen vor einer Wahl. Derartige Verbote wären in Zeiten von Internet und Sozialen Medien schwer umzusetzen, in anderen Ländern gibt es sie dennoch. So erscheinen die letzten Sonntagsfragen in Italien zwei Wochen vor der Wahl, Frankreich hat diese Frist nun auf zwei Tage verkürzt.

Doch alle Qualitätssicherungsmaßnahmen schützen nicht vor unseriösen Anbietern, wenn Auftraggeber und Konsumenten nicht auf Seriosität und Transparenz achten. Der Instrumentalisierung von Umfragen für Parteipolitik oder Auflagensteigerung kann nur durch eine breitere Vermittlung von Qualitätskriterien und Grenzen dieser Methode Einhalt geboten werden. Damit Wissenschaft nicht auch noch ihre Glaubwürdigkeit verliert.

„Die Tiroler Umfragen stellen ein Armutszeugnis all jenen aus, die diese Umfragen bestellen, veröffentlichen, interpretieren oder glauben.“

Kathrin Stainer-Hämmerle

kathrin.stainer-­haemmerle@vn.at

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.

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