Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Schwierige Verhältnisse

Vorarlberg / 27.09.2022 • 15:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine Geschichte in zehn Teilen. Teil 1.

Zwei sogenannte Halbwüchsige – nennen wir sie Luise und Andi – trafen sich am ersten Schultag im Pausenhof. Sie gefielen einander. Luise mochte den frechen Blick von Andi, und er liebte ihre Sanftheit, wahrscheinlich, weil er Sanftheit nur von ihr kannte. Seine Umgebung war nämlich nicht sanft. Er lebte bei seinem Vater, die Eltern hatten sich mit Gezeter im letzten Jahr getrennt. Luise war bei ihrer Mutter, der Vater hatte sich still verabschiedet, war einfach an einem Abend nicht mehr wieder gekommen. Sie und ihre Mutter wussten nicht, wo er war, hatten ihn zwar durch die Polizei suchen lassen, aber bald war es, als wäre er nie dagewesen. Was in gewisser Weise auch stimmte. Er hatte mit Frau und Tochter temperamentlos zusammengelebt.

Andi und Luise standen beieinander, und Andi fragte: „Wie ist es inzwischen bei dir zu Hause?
Luise wollte nicht darüber sprechen. „Wie immer.“ Und wollte es doch: „Sie liegt im Bett. Mit der Decke überm Kopf.“
„Ich wünschte“, sagte Andi, „meiner läge auch im Bett. Er schläft nicht. Er schläft nie. Ich höre ihn, wenn ich um eins in der Nacht aufwache, und wenn ich um sechs in der Früh aufstehe, sitzt er am Küchentisch.“
„Ich bin verantwortlich für sie“, sagte Luise, „ob ich will oder nicht.“
„Du bist achtzehn“, sagte Andi, „ich bin achtzehn. Ab achtzehn ist der Mensch für sich selbst verantwortlich.“
„Sie sind unsere Kinder“, sagte Luise.
„Ich will keine Kinder“, sagte Andi.
„Ich schon“, sagte Luise.
„Ja, ich auch“, sagte Andi. „Aber nicht solche.“

„Luise wollte nicht darüber sprechen. ,Wie immer.‘ Und wollte es doch: „Sie liegt im Bett. Mit der Decke überm Kopf.“

„Ich“, sagte Luise, „möchte welche, die sich niemals in ihrem Leben Sorgen machen müssen wegen mir.“
„Angenommen“, sagte Andi, „jetzt nur angenommen, was ich aber nicht will und zwar überhaupt nicht, aber angenommen, ich werde richtig alt, dann hätte ich schon gern, wenn sich der eine oder der andere Sorgen um mich machen würde.“
„Wissen es andere noch?“, fragte Luise.
„Was?“
„Ich möchte nicht, dass du mit jemandem sonst über meine Mutter sprichst.“
„Und du nicht über ihn“, sagte Andi und fügte hinzu und sah sie dabei an: „Weiß ich, tust du eh nicht.“
„Magst du ihn gar nicht?“
„Das geht niemanden etwas an“, sagte Andi.
„Warum machen wir uns überhaupt Sorgen um sie?“
„Eben das meine ich auch“, sagte Andi.
„Wir sind die Erwachsenen“, sagte Luise und nickte vor sich hin, dachte aber nur, hoffentlich findet er mich hübsch. „Ich meine, das sind wir sowieso … aber in unserem Fall sind wir zu Hause die Erwachsenen … das meine ich.“
„Das endet“, sagte Andi.
„Nur wie?“, fragte Luise.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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