Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

„Ich kann nicht mehr!“

Vorarlberg / 28.09.2022 • 18:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Frau Ammann ist ein sehr emanzipiertes Wesen, ihre nüchterne Weltsicht, ihr pragmatisches Zupacken, ihre Verlässlichkeit und Konsequenz sind Teil ihrer Basics – nein, sie verlangt kein fehlerfreies Gendern, fühlt sich auch nicht in ihrer Haltung gefoppt, wenn ihr jemand in den Mantel hilft, aber sie pocht energisch auf Gleichberechtigung, gleiche Bezahlung, für gleiche Arbeit, gleiche Aufstiegsmöglichkeiten und Fairness. Sie ist eher ein stiller Mensch, würde also nicht mit knatternder Fahne voranstürmen, sie lebt einfach ihre Philosophie, in tausenden unscheinbaren Alltagen, man kann sich auf sie verlassen, wie auf den Sonnenaufgang.

Maloche

Unsere Gesellschaft würde kollabieren, sagt sie, ohne die Frauen, die sich den Rücken krumm arbeiten mit unbezahlter aber gesellschaftsrelevanter Maloche – ja, ich weiß, derlei Statements werden auch in Wahlreden verkündet und sind oft nur Schall und Rauch. Die Realität ist grausam und entlarvt die Farce der frommen Sprüche.

Also konkret: Fragen Sie mal die Kindergärtnerinnen, sagt sie, oder die Pädagoginnen der Elementarschulen, wie‘s ihnen so geht. Deren letzter Wutmarsch in Vorarlberg war für sie höchst ernüchternd. Diese Frauen sind am Rande des Zusammenbruchs. Die Kindergruppen werden immer größer, der Anteil der Dreijährigen steigt stetig, trotzdem gilt noch der selbe Betreuungsschlüssel. Ein dreijähriges Kind braucht bekanntlich mehr Aufmerksamkeit als ein fünf- oder sechsjähriges. Dadurch schrumpft der Bildungsauftrag zum Betreuungsauftrag! Das kann auf Dauer nicht gutgehn. Durch das neue Kindergartengesetz, so fürchten die Betroffenen, werden ihre Arbeitsbedingungen weiter verschlechtert. Andere Branchen erhalten Erschwerniszulagen, davon können Kinderpädagoginnen nur träumen.

Zudem gibt es immer mehr verhaltensauffällige Kinder, teils aus völlig anderen Kulturen, die integriert werden müssen, also zeitaufwendige Probleme. Die Arbeit aber muß mit demselben Personalstand weiterfunktionieren. „Ich bin ganzjährig erkältet, da ständig kranke Kinder zu uns gebracht werden“ sagt eine Betroffene, „ich kann nicht mehr.“

Die Hirnforschung weiß doch längst, dass in den ersten sechs Lebensjahren eines Menschen die wichtigsten Weichen gestellt werden, in Hirn und Herzensbildung, also die Basis für unsere Zukunft gelegt wird und wir sind gerade dabei „unser Kostbarstes“ „ unsere Liebsten“ und deren Schutz und Lehrbeauftragten sträflichst zu vernachlässigen.

Eines Tages werden die „abgestellten“ Kinder (damit sind nicht arbeitende Eltern gemeint sondern die, die sichs leisten könnten, sich zu kümmern) einen gezielten Rachefeldzug unternehmen, fürchtet Frau Ammann, wenn er nicht schon längst begonnen hat.

„Also konkret: Fragen Sie mal die Kindergärtnerinnen, sagt sie, oder die Pädagoginnen der Elementarschulen, wie‘s ihnen so geht.“

Reinhold Bilgeri

reinhold.bilgeri@vn.at

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.

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