Wann hört das alles endlich auf?

Vorarlberg / 30.09.2022 • 17:32 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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So oft stellen wir in diesen Tagen die Frage: Wann hört denn das alles endlich auf? Die Not wird immer größer, die Krisen immer weiter, der Krieg nimmt an Stärke zu. Wann wird sich doch diese Welt einmal verändern, wann wird sie aus der Geschichte lernen und zugleich stellt sich für uns die Frage: Wie kann ich diese Welt verändern.

Es ergeht uns etwa so wie jenem jungen Mann, der zu einem Rabbi kam und ihn fragte: „Wie kann ich endlich einmal diese schreckliche Welt verändern, damit alles Elend aufhört?“ Und der Rabbi antwortete ihm: „ So viel, wie du tun kannst, dass morgen die Sonne aufgeht!“ „Aber, was sollen dann alle meine Gebete und guten Werke“, fragte der junge Mann. Darauf der Rabbi: „Sie helfen dir, wach zu sein, wenn die Sonne aufgeht.“

Die Sonnenaufgänge sehen

Vielleicht gibt es gar keinen besseren Ratschlag, dem Elend dieser Welt zu entrinnen als, dass wir wach sind, wenn die Sonne aufgeht, dass wir diese Wachsamkeit und Achtsamkeit wahrmachen. Ich beobachte immer wieder, dass Menschen stehenbleiben, wenn sie einen Sonnenuntergang sehen und dabei nachdenklich werden, was wohl alles mit dieser Sonne versinkt. Da kann ganz viel Dankbarkeit für den Tag entstehen, der hinter uns liegt. Aber genauso wichtig erscheint mir, dass wir auch dem Sonnenaufgang Aufmerksamkeit schenken, denn er kann uns wichtige Botschaften entdecken lassen.

Es gibt viele Sonnenaufgänge

Es gibt so viele Sonnenaufgänge in unserm Leben, die wir vielleicht übersehen, die uns Freude schenken können und damit auch Momente der Erneuerung. Ein unerwartetes Gespräch, ein Geschenk, eine Geste, eine plötzliche Wendung in einer Krise. Dazu braucht es eine starke Wachsamkeit und Aufmerksamkeit.

Innehalten und in sich schauen

Um diese Wachsamkeit zu erlangen, müssen wir manchmal Innehalten. Wir sind Getriebene. So ist es wichtig, dass wir uns an jedem Tag fümf oder zehn Minuten Stille schenken. Beinahe hört sich auch das schon utopisch an. Aber versuchen Sie einfach, sich einmal ein paar Minuten ruhig hinzusetzen, innezuhalten und still zu werden, sodass sich die Wogen der Hektik auf der Oberfläche Ihrer Seele glätten und Sie sich wieder selber entdecken können. Oder gönnen Sie sich den Luxus eines Morgenspaziergangs oder denken Sie einfach bei einer schönen Musik über Ihr Leben nach. Sie werden feststellen, wie wohl das tut und wie sich das Leben ordnet und beruhigt.

Innehalten und zurückschauen

Innehalten heißt auch zurückzuschauen. So wie es bei jeder Wanderung guttut, auf den gegangenen Weg zurückzuschauen, so ist es auch gut, über das Vergangene nachzudenken und in dieses hineinzuschauen. Dann können Sie auf einmal viele kleine Sonnenaufgänge in Ihrem Leben sehen, wo Sie vorher nur Dunkles und Lästiges gesehen haben. Wir werden dankbar und Ihr Leben wird von Sinnsonnen erhellt. Dieses regelmäßige Dankbarsein ist so wichtig, dass sich durch die Lebensfreude in uns verfestigt, sodass wir mit dieser Freude Leben gestalten und sie an andere weiterschenken.

Innehalten und den Blick nach vorne richten

Wachsam zu sein, heißt auch, einen Blick nach vorne zu wagen. Dadurch kann ich neue Perspektiven für mein Leben entdecken. Dazu brauche ich sicher auch Impulse, die ich gut aufnehmen kann, wenn ich einmal einen schönen Text in mich fließen lasse, einen guten Ratschlag von Eltern wahrnehme, der sich bewährt hat, oder wenn ich darüber nachdenke, welche Werte für mich lebenswert sind. Das kann auch heißen, dass ich einen Weg zur Arbeit, zu einem Menschen bewusster gehe oder mein tägliches Tun wieder einmal ganz bewusst verrichte.

Die Sonne geht über allen auf

Ein solcher Sonnenaufgang kann mich auch erstaunen lassen, dass

dieselbe Sonne über allen aufgeht, im Norden und Süden, im Osten und Westen, über Armen und Reichen, über meine Freunde und meine Feinde. Allen ist ein neuer Anfang geschenkt, und ich soll auch allen wie die Sonne einen neuen Angang schenken. Dann könnte so viel Elend in der Welt verschwinden.

Die Sonne geht alle 24 Stunden auf

Ist das nicht auch das nächste Wunder? Die Sonne geht nicht nur manchmal, sondern mindestens alle 24 Stunden auf. Wenn ich das wahrnehme, sitze ich nicht in einem ewigen Frust da, sondern merke ich, dass ich mindestens alle 24 Stunden neu anfangen und hoffen kann.

Wenn ich solche Dinge beachte, dann versäume ich weniger den Moment, in dem ich den Sonnenaufgang für mein Leben versäume ,und das wünsche ich allen Leserinnen und Lesern.

Rudolf Bischof, Bischofsvikar, Feldkirch
Rudolf Bischof, Bischofsvikar, Feldkirch

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