Wende bei der Sozialhilfe

Vorarlberg / 03.10.2022 • 05:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Zuletzt ist die Zahl der Bezieher gesunken. Jetzt wird ein Wiederanstieg befürchtet.

SCHWARZACH Statistik Austria hat Zahlen zur Sozialhilfe (Mindestsicherung) aus allen Bundesländern zusammengetragen und nun um das Jahr 2021 ergänzt. Ergebnis: Einmal mehr ist es zu einer Entspannung gekommen. Seit geraumer Zeit gibt es immer weniger Bezieher in Österreich insgesamt und in Vorarlberg. Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne) blickt jedoch mit Sorge in die Zukunft.

„Energienot und Teuerung werden sich auch auf den Arbeitsmarkt im Land auswirken.“

Katharina Wiesflecker, Landesrätin

Vor zehn Jahren sind in Vorarlberg 8583 Personen in die Sozialhilfe gefallen. Dann wurden es mehr und mehr, 2017 handelte es sich um 13.078. In weiterer Folge wurden es weniger und weniger, 2021 waren es 9854. Das entsprach 2,4 Prozent der Bevölkerung und lag etwas unter dem bundesweiten Durchschnittswert von 2,7 Prozent.

Flüchtlinge integriert

Wie ist diese Entwicklung erklärbar? Wiesflecker nennt zwei Gründe: Zum einen sei es „recht gut“ gelungen, anerkannte Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie kamen so zu einem eigenen Einkommen. Zum anderen habe es die günstige Wirtschaftslage generell vielen Beziehern erleichtert, zu einem Job zu kommen.

Dass die Entspannung auch 2020 und 2021 andauern würde, war ursprünglich allerdings nicht erwartet worden. Stichwort „Coronakrise“. Wiesflecker: „Wir haben eigentlich mit einem Anstieg gerechnet.“ Ganz offensichtlich sei es durch Kurzarbeit und andere Maßnahmen aber gelungen, Arbeitskräfte in Beschäftigung zu halten.

„Die meisten Leute wollen arbeiten. Nur ein verschwindend kleiner Teil will es nicht.“

Michael Diettrich, Sprecher Armutskonferenz

Beim Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) schaut man sich „gerade etwas genauer“ an, was für die überraschende Entwicklung in dieser Zeit ausschlaggebend gewesen ist, wie die zuständige Expertin Christine Mayrhuber bestätigt: Noch könne man es nicht mit Sicherheit sagen. Für den Sprecher der Vorarlberger Armutskonferenz, Michael Diettrich, ist klar, dass es einen Zusammenhang zwischen der Lage auf dem Arbeitsmarkt und der Zahl der Sozialhilfebezieher gibt: „Die meisten Leute wollen arbeiten. Nur ein verschwindend kleiner Teil will es nicht.“

Mehr Armutsgefärdete

Diettrich ist zugleich vorsichtig mit Schlüssen aus der Statistik: Weniger Sozialhilfebezieher bedeute nicht, dass es weniger Armuts- und Ausgrenzungsgefährdete gebe. Im Gegenteil, diese Gruppe sei zuletzt auf rund 90.000 Männer, Frauen und Kinder im Land gestiegen. Grund: Als Armutsgefährdet gilt zum Beispiel ein Erwachsener mit einem Kind und einem Nettoeinkommen von unter 1780 Euro pro Monat. Bei der Sozialhilfe liegt die Schwelle niedriger.

Abgesehen davon ist es auch hier vorbei mit dem Rückgang der Bezieher. Derzeit liegt es laut Wiesflecker daran, dass Geflüchtete aus der Ukraine zunächst in der Sozialhilfe aufscheinen. Erst in einem zweiten Schritt komme es zu einer Gegenverrechnung über die Grundversorgung mit dem Bund. „Außerdem schauen wir mit Sorge auf das kommende Jahr“, so Wiesflecker: „Energienot und Teuerung werden sich auf den Arbeitsmarkt auswirken. Erste Betriebe schränken die Produktion bereits ein.“ Viele Menschen könnten dann wieder arbeitslos werden und auch auf Sozialhilfe angewiesen sein.

Wende bei der Sozialhilfe

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