Alleinerziehende vor vielen Herausforderungen

Vorarlberg / 07.10.2022 • 05:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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VN/PAULITSCH

Julia Wehinger und Isabell Dünser müssen Job und Kinder miteinander vereinbaren. Dabei sollen sie keines von beiden vernachlässigen. Hinzu kommt die Teuerung.

bregenz In Vorarlberg versuchen 7200 Alleinerziehende die täglichen Herausforderungen zu meistern. Oftmals ist ungewiss, wo sie sich entsprechende Hilfe holen können. “Du musst dich erst mal durch einen Dschungel durchwühlen”, erzählt Sandra Hermes vom Familienverband. Die 41-Jährige ist zuständig für die Plattform, auf der einige Informationen und Leitfäden zu finden sind: Was muss ich nach der Trennung machen? Was für Zuschüsse gibt es? Wie sieht es mit der Unterhaltszahlung aus? Sie ist selbst alleinerziehende Mutter und durchaus mit der Problematik bekannt. “Teil meiner Arbeit ist es, die Leitfäden zu optimieren und besser sichtbar zu machen.” Der Familienverband bietet monatliche Zoom-Calls an, in denen Experten die Menschen beraten und wichtige Fragen klären. Auch eine WhatsApp-Gruppe gibt es, in der sich Alleinerziehende täglich austauschen und gegenseitig helfen können. 90 Prozent davon sind Frauen. “Leider betrifft es meistens Frauen, und da ist der Austausch am wichtigsten, das Wissen, nicht allein zu sein”, schildert die Alberschwenderin.

Sandra Hermes arbeitet seit einem Jahr beim Familienverband. <span class="copyright">Paulitsch</span>
Sandra Hermes arbeitet seit einem Jahr beim Familienverband. Paulitsch

Langfristige Lösung

“Das Teuerungspaket hat für viele Fragen gesorgt”, erklärt Hermes. “Das wurde vom Land nicht klar kommuniziert.” Zwar tut die Hilfe aktuell gut, aber beim Blick in die Zukunft bewirke sie nicht viel, denn die Angst vor den Heizkosten im Winter steigt. Jedoch geraten diese Sorgen angesichts anderer Problemein den Hintergrund. “Wenn es Anfang Monat ist und man nur noch 2oo Euro hat, das Kind aber neue Schuhe braucht und man es sich nicht leisten kann, vergisst man oft, an andere Sachen zu denken, wie was der Winter bringt oder die eigene Altersvorsorge.” Denn die meisten Alleinerziehenden arbeiten als Teilzeitkräfte und zahlen somit nicht in die Pensionskasse ein.

Wenn die Lebensmittelpreise steigen, gehen die meisten mit der Qualität der Waren runter. Wo gespart wird, ist auch die Freizeit. “Frauen vor allem sparen immer an sich selber. Man geht nicht mehr zum Friseur, kauft sich keine Klamotten, geht nicht mehr aus und gönnt sich nichts mehr”, erläutert sie. Aus diesem Grund richtet Sandra Hermes einen großen Appell an Alleinerziehende: “Holt euch Hilfe, man muss sich nicht schämen!”

Viele Hürden

“Die größte Herausforderung gerade ist es, meine zwei Jobs mit Kindergarten und Schule unter einen Hut zu bringen”, erzählt Isabell Dünser aus Hohenems. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Jungs. “Und natürlich die ganzen Rechnungen zu begleichen.” Auch sie hat die Teuerung zu spüren bekommen: “Die Betriebskosten sind um 100 Euro gestiegen.” Hinzu kommen die erhöhten Preise in den Supermärkten. “Im Monat brauche ich mittlerweile 500 Euro nur für Lebensmittel”, erzählt sie. Dünser versucht deshalb in günstigeren Lebensmittelläden einzukaufen und hält Ausschau nach Angeboten. Außerdem sind die Spritkosten ebenfalls in die Höhe geschossen. “Viele meinen, man solle aufs Fahrrad umsteigen. Das ist aber mit zwei Kindern undenkbar.” 

Isabell Dünser <span class="copyright">VN/PEM</span>
Isabell Dünser VN/PEM

“Ich wünsche mir mehr Unterstützung für Alleinerziehende”, sagt Dünser. Als sie sich vor einem Jahr von ihrem Mann getrennt hat, war auch die 32-Jährige ahnungslos, was für Förderungen ihr zustehen. “Eine Homepage vom Land, wo man sich gesammelt informieren kann und alles genau erläutert wird, wo man hingehen muss, um die jeweiligen Zuschüsse zu bekommen. Das wünsche ich mir. Das hätte ich damals gebraucht.” Ein großes Problem ist ebenfalls die Holschuld. Viele Alleinerziehende müssen sich darum kümmern, dass der Ex-Partner wirklich die Alimente zahlt. “Das kontrolliert niemand. Man muss sich selber damit herumschlagen oder zum Familiengericht gehen”, erläutert Isabell Dünser.

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Isabell Dünser Privat

“Ich kann nicht mehr”

Auch Julia Wehinger kennt die Herausforderungen und hat ebenfalls zwei Jobs. “Es ist belastend. Als Mama musst du immer schauen, dass du über die Runden kommst”, erzählt sie.

Julia Wehinger mit ihrer fünfjährigen Tochter Aria. <span class="copyright">VN/PRIVAT</span>
Julia Wehinger mit ihrer fünfjährigen Tochter Aria. VN/PRIVAT

 “Als Alleinerziehende hat man eine große Verantwortung. Schwach sein kann ich mir neben meiner Tochter nicht leisten.” Der ständige Druck, sicherzustellen, dass der Kühlschrank voll ist, das Kind neue Klamotten hat, dass es rechtzeitig zum Kindergarten gebracht wird und es dann noch selbst pünktlich zur Arbeit zu schaffen, ist riesig. Hinzu kommt, dass man am Abend noch frisch kochen muss. “Es ist mir alles zu viel geworden. Um mich waren sehr viele Baustellen. Ich kann einfach nicht mehr. Deswegen sind wir zwei jetzt in der Mutter-Kind-Kur.” Dort lernt die Hohenemserin, wie sie sich im Alltag Pausen nehmen kann, um auf sich selbst achtzugeben. Denn schon kurz nachdem sie in der Kur angekommen sind, bekam Wehinger ein Burn-out. “Es wäre schön, wenn man den alleinerziehenden Müttern unter die Arme greifen könnte. Unsere Ansprüche sind gut, aber langfristig nichts.” 

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