Vier Erkenntnisse aus der Bundespräsidentenwahl

Vorarlberg / 10.10.2022 • 20:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Den Wahlkampf prägten extreme Positionen und deftige Rhetorik.

WIEN Alexander Van der Bellen wurde für weitere sechs Jahre in das Amt des Bundespräsidenten gewählt. Sein Sieg fiel jedoch für einen zweiten Antritt nicht überragend aus. Auch sonst brachte der Wahlkampf Überraschungen und Auffälligkeiten mit sich. Daraus lässt sich auch etwas über die aktuelle Beschaffenheit der österreichischen Innenpolitik ablesen.

Schwach bei den Jungen

Insgesamt wurden die Jungen, die besonders unter den Krisen leiden, von Van der Bellen weniger direkt adressiert. Das Klimathema ist zwar weiter klar bei dem ehemaligen Grünen-Chef verortet. Doch fiel er mit Aussagen auf, dass die Jungen in der Krise „die Zähne zusammenbeißen müssen“. Zwar entschuldigte er sich für diese Aussage, doch der Schaden bleibt. Das zeigt sich auch im Ergebnis des Amtsinhabers. Generell hatte der ehemalige Grünen-Chef großen Zuspruch bei älteren Wählern, während er von unter 30-Jährigen deutlich weniger als 50 Prozent bekam.

Mit Dominik Wlazny stand der jüngste Kandidat seit Beginn der Direktwahl 1951 auf dem Stimmzettel. Jeder Fünfte unter 30 Jahren hätte ihn gerne in der Hofburg gesehen. Weniger begeistert waren dagegen die Älteren. Nur drei Prozent der über 60-Jährigen konnten mit dem Musiker, Mediziner und Kabarettisten etwas anfangen. Fest steht, dass Wlazny und seine Bierpartei um die Wähler links der Mitte buhlen. Das könnte die Grünen und die SPÖ bei kommenden Wahlen noch beschäftigen. Besonders zu denken geben sollte das aber den Neos: Laut Wählerstromanalyse bestand die größte Wählergruppe des Bierpartei-Gründers aus Menschen, die bei der Nationalratswahl ihr Kreuz bei Pink gemacht hatten.

Die Kandidaten rechts der Mitte wurden dem Amtsinhaber nicht gefährlich. FPÖ-Kandidat Walter Rosenkranz scheiterte an der 20-Prozent-Marke. Tassilo Wallentin und Gerald Grosz blieben einstellig. Aber Van der Bellens sechs Gegenkandidaten kamen gemeinsam auf immerhin fast 44 Prozent, im rechten Spektrum auf rund ein Drittel der Stimmen. Angesichts der Tatsache, dass außer Rosenkranz kein Kandidat einen gut geschmierten Parteiapparat hinter sich hatte und SPÖ, Grüne, Neos und teilweise ÖVP-Politiker wie Landeshauptmann Markus Wallner für Van der Bellen warben, fiel dessen Ergebnis nicht außergewöhnlich aus. Noch dazu kündigten Rosenkranz, Wallentin, Grosz und Brunner an, die Regierung im Falle ihres Sieges entlassen zu wollen oder eine Entlassung zu prüfen. Das hat in der Zweiten Republik bislang nur Norbert Hofer 2016 erwogen.

Politische Kultur hat gelitten

Fünf von sieben Kandidaten verfolgten einen sogenannten „Anti-System-Wahlkampf“. Außer Van der Bellen und Wlazny fielen sie mit extremen Positionen auf. Neben der genannten Entlassung der Regierung wurden die Corona-Maßnahmen oder die Russland-Sanktionen abgelehnt. Gerald Grosz präsentierte sein Wahlprogramm überhaupt gleich in Form einer Beschimpfungsorgie vor der Hofburg. Ein Drittel der Wähler fühlte sich von der Drohung einer sofortigen Entlassung der türkis-grünen Regierung angesprochen. VN-JUS

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